Bevor China den USA ihren Rang als größter Absatzmarkt für Autos der Luxusklasse streitig machte, zielten die deutschen Premiumhersteller in ihrem Exportgeschäft vor allem auf Nordamerika. Auch wenn die Dimensionen der deutschen Oberklasse kleiner ausfielen als bei den Modellen der US-Konkurrenz, konnten die Fahrzeuge vom noch nicht durch Dieselskandale beeinträchtigten Image des Made in Germany profitieren. Dass die oft PS-starken deutschen Motoren ihre Leistung im Land der begrenzten Geschwindigkeiten nicht voll ausreizen konnten, kümmerte die amerikanischen Kunden wenig. Denn es zählten vor allem die Qualität bei der Verarbeitung der Fahrzeuge und das Prestige der deutschen Marken. Die amerikanischen Luxusanbieter hingegen hatten es schwer, mit ihren Modellen in Deutschland Marktanteile zu gewinnen. Einen Angriff auf die deutsche Oberklasse traute sich nur eine der US-Edelmarken: Cadillac kehrte nach der Jahrtausendwende nach Europa zurück und präsentierte im Jahr 2016 mit dem CT6 eine sportlich ausgerichtete Limousine der Oberklasse.
Dass ausgerechnet Cadillac die deutsche Oberklasse ins Visier nehmen wollte, hatte mehrere Gründe. Die Marke gehörte zum Konzern General Motors (GM), der dank seiner damaligen europäischen Töchter über ein eigenes Händler- und Werkstattnetz auf dem alten Kontinent verfügte. Und dort hatte Cadillac ein eigenständiges Profil. Denn für Europäer verkörperte die Marke die amerikanische Luxusklasse schlechthin, während die anderen Edelmarken amerikanischer Konzerne fast ausschließlich in Nordamerika bekannt waren. Cadillac brachte noch einen weiteren Vorteil mit: Durch Kooperationen mit der damaligen GM-Tochter Saab stand mit dem BLS lange vor der Einführung des CT6 ein echtes Europa-Modell im Programm.
Auch die ab 2012/13 nachfolgenden ATS und CTS in ihren verschiedenen Bauformen sowie die SUV Escalade und XT5 hatten durchaus das Format, der Konkurrenz auf den europäischen Märkten begegnen zu können. Zudem die Amerikaner mit den V-Versionen auch kompaktere Limousinen und Coupés mit ausgesprochen sportlichem Charakter aufgelegt hatten. Vor diesem Hintergrund war die Rolle klar, die Cadillac dem CT6 zudachte: Die viersitzige Limousine sollte nicht bloß als Flaggschiff mit Luxusfeatures auftreten, sondern vielmehr auch ihren sportlichen Anspruch zum Ausdruck bringen. Damit konnte Cadillac sich in Europa breiter aufstellen und sein Programm komplettieren.
Es war durchaus doppelsinnig, wenn Marktbeobachter bei der Premiere des CT6 gegen Ende des Jahres 2016 sagten, dass Cadillac wohl zu alter Größe zurückkehren wolle. Denn während der Hersteller in seinen Baureihen ATS/CTS Modelle im europäischen Mittelklasseformat präsentiert hatte, brachte er mit dem CT6 eine Limousine auf den Markt, die in den USA in der Klasse der Full-Size-Cars eingeordnet wurde. Und das bedeutete, der Cadillac fiel auf den europäischen Straßen durch imposante Dimensionen auf. Mit einer Länge von fast 5,20 Metern übertraf er die deutschen Konkurrenzmodelle um fast zehn Zentimeter. Ähnliches galt für den Radstand, der beim CT6 mit gut 3,11 Meter ebenfalls üppig bemessen war. Nur mit seiner Höhe von 1,47 Metern und der Breite von 1,88 Metern ordnete sich das Luxusmodell von Cadillac in die Reihe der exklusiven Limousinen deutscher Fabrikation ein.
Trotz der üppigen Abmessungen des CT6 schafften es die Cadillac-Designer, der Limousine eine gewissen sportliche Eleganz zu verleihen. Den für Cadillacs typischen hoch angelegten Frontbau mit seiner fast senkrecht abfallenden Abrisskante kombinierten die Kreativen mit einem lang gezogenen Kühlergrill mit filigranen Querstreben sowie mit einer Frontschürze mit Splitter. Chromeinfassungen für Kühlergrill und Lüftungsschächte unterstrichen die sportlich-elegante Optik der Front. Dazu zeigte der CT6 die von anderen Cadillacs bekannte vertikale Lichtschiene mit einzelnen punktförmigen LED-Elementen, die sich neben den hochformatig angeordneten Scheinwerfern in einem schmalen Bogen bis zur Frontschürze hinunterzog. Auch bei der Anlage der Rücklichter setzte der Hersteller auf diese charakteristische Vertikalstruktur. In der Seitenansicht fiel die spät ansetzende schräg gestellte C-Säule auf, die dem CT6 eine von Coupés inspirierte Silhouette verleihen sollte, ohne dass zugleich die Kopffreiheit für die Passagiere im Fond eingeschränkt werden musste. Während die leicht abfallende Frontpartie auf dynamische Eleganz getrimmt war, war das Heck des CT6 mit seinem mächtigen Aufbau eher wuchtig gestaltet und griff damit alte Merkmale der Cadillac-Architektur auf.
Traditioneller Luxus amerikanischer Art fand seinen Ausdruck im Innenraum des CT6. In der Topausstattung Platinum kamen besondere Lederqualitäten für die Bestuhlung als 4-Sitzer, in der Verkleidung verwebte Karbonfasern und neben den in der Luxusklasse üblichen Edelholzeinlagen Dekorelemente aus Bronze zum Einsatz. Und da sich der CT6 auch als Chauffeurwagen nutzen lassen sollte, spendierte Cadillac den Passagieren auf den beiden hinteren Liegesitzen ein reichhaltiges Wohlfühl- und Entertainmentprogramm mit Massage und in der Lehne der Vordersitze installierten Bildschirmen. Selbstfahrer, die die Einstiegsausstattung Luxury wählten, bekamen ihre Informationen über das Bordgeschehen auf einem 10,2 Zoll großen Touchscreen mit Gestensteuerung. Dazu verfügte der CT6 über WLAN und die üblichen Vernetzungs- und Assistenzsysteme inklusive einer Nachtsichtkamera, die ihre Bilder ins digitale Cockpit sendete.
Dass die Amerikaner Luxus in schweren Karossen zelebrieren konnten, dafür war Cadillac für viele Jahrzehnte der Beweis gewesen. Mit dem CT6 wollten sie nun jedoch zeigen, wie sich die amerikanische Oberklasse weiterentwickelt hatte. Der CT6 erhielt ein aus Aluminium und Stahl gefertigtes Chassis, das zugleich leicht und verwindungssteif sein sollte. Damit konnte das Gewicht der Limousine der Luxusklasse immerhin unter zwei Tonnen gebracht werden. Für besseres Handling und mehr Fahrkomfort verbaute Cadillac in seinem Flaggschiff eine aktive Hinterachslenkung sowie ein elektronisch gesteuertes Fahrwerksystem, das Traktion und Dämpfung situationsgerecht optimierte und sich in drei Fahrprogrammen unterschiedlich abstimmen ließ.
Der sportliche Anspruch der Luxuslimousine zeigte sich auch bei der Wahl der in Europa angebotenen Motorisierung: Ein V6-Aggregat aus dem GM-Regal mit Biturbo und 3,0 Litern Hubraum stellte dem CT6 bis zu 307 kW (417 PS) bereit. Serienmäßig war damit ein Allradantrieb und eine Achtgangautomatik verbunden. Einen CT6 mit Hinterradantrieb und Vierzylinderaggregat oder Hybridausstattung hatte Cadillac seit 2016 ebenfalls im Programm. Doch boten die Amerikaner diese Optionen auf den europäischen Märkten zunächst an.