Der Volkswagen Tiguan R im Test: Renntransporter

Der Volkswagen Tiguan R im Überblick
Stärken
- - Durchzugsstarker Antrieb
- - Ausgewogenes Fahrwerk
- - Sehr gute Traktion
- - Umfangreiche Serienausstattung
Schwächen
- - Hoher Preis
- - Unpraktische Lenkradtasten
- - Fahrmodi und Assistenten nach jedem Start zurückgesetzt
Racer oder Sparer?
Es hat dann doch etwas von Slapstick: Wenn Du gerade im manuellen Modus des auf "Race" angespannten Antriebstrangs über die Hausstrecke brennst, dabei die Seitenscheibe einen Spalt öffnest, um dem Klang der Akrapovic-Anlage besser lauschen zu können. Und dann mit einem Gong diese Meldung im Virtual Display aufploppt: "ECO-Tipp: Fenster schließen (Luftwiderstand)".
Dann merkst Du, dass Du eben doch in einem Auto sitzt, dem Fahrfreude bei seiner ursprünglichen Entwicklung nicht an allererster Stelle ins Lastenheft geschrieben wurde. Ein Tiguan ist schlicht ein Brot- und Butter-Auto im VW-Konzern. Und der neue Tiguan R womöglich nur ein ebensolches mit nun halbwegs angemessener Motorleistung? Kritiker der Gleichteilepolitik von Volkswagen dürften so denken - und lägen damit falsch (Kraftstoffverbrauch kombiniert: 8,1 l/100 km; CO2-Emissionen kombiniert: 186 g/km²).
Beachtlicher Entwicklungsaufwand
Die Volkswagen R-Abteilung hat nämlich einen durchaus beeindruckenden Entwicklungsaufwand betrieben, um dem Tiguan nicht nur eine mehr als akzeptable Längsdynamik zu verpassen. Ein zusätzlicher Hilfsrahmen aus Aluminium erhöht die Steifigkeit der Karosserie signifikant. Das schlägt sich eindrucksvoll im spontanen Einlenkverhalten und im Federungskomfort nieder, doch dazu später mehr.
An der Hinterachse kommt nunmehr ein neu entwickeltes Differenzial zum Einsatz, das die Kräfte zwischen rechtem und linkem Hinterrad verteilen und - je nach Fahrsituation - bis zu 100 Prozent der Kraft an ein einziges Rad schicken kann.
Die restlichen Feinheiten sind überwiegend optischer Natur. Sie lesen sich wie ein klassischer Ritt durch den Volkswagen R-Katalog: Ein um 10 Millimeter tiefergelegtes Fahrwerk, bis zu 21 Zoll große Felgen, eine große Bremsanlage, tief heruntergezogene Schürzen und eine vierflutige Abgasanlage - letztere wahlweise und nach Überweisung von zusätzlichen 3.700 Euro von Akrapovic.
Tolle Sitze, unergonomisches Lenkrad
Im Innern sorgen Sportgestühl mit integrierten Kopfstützen (und etwas zu kurzer Beinauflage), blaue Akzente und größere Schaltwippen für sportlicheres Flair, wobei wir uns gerade hier noch etwas mehr gewünscht hätten. Weshalb man auf die Idee kam, die bisherigen Lenkradtasten durch eine Kombination aus Sensorik und Drucktaste in Hochglanz-Schwarz auszutauschen, ist uns schleierhaft: Die Bedienung ist wenig intuitiv, fehleranfällig und sieht nach einmaliger Benutzung dank unvermeidbarer Fingerabdrücke bescheiden aus.
Lass' krachen, Papa!
Ansonsten lässt der VW Tiguan R kaum Wünsche übrig. Gibt er sich im Alltag zahm und komfortabel wie seine zivileren Brüder, kann er im Gegensatz zu ihnen auch ordentlich Spaß am Sonntagmorgen auf der Hausstrecke verbreiten. Der alte Bekannte EA888 leistet in seiner mittlerweile vierten Ausbaustufe satte 235 kW/320 PS und 420 Newtonmeter Drehmoment.
Das sorgt, in Verbindung mit dem Siebengang-DSG, für akzeptable Beschleunigungswerte auch in höheren Geschwindigkeitsregionen. Ein aktueller Cayenne S (man muss ja in gewissen Tiguan-Kategorien denken) konnte uns jedenfalls auf der Autobahn nicht davonfahren.
Der Fünfzylinder bleibt ein Traum im Tiguan
Rein emotional ist der 2.0 TSI erwartungsgemäß immer noch nicht das Gelbe vom Ei, daran kann auch besagte Abgasanlage nur wenig ändern. Interessant fanden wir die Soundeinstellung "Pure", denn dann wird wenigstens auf die unsägliche Imitation eines Fünfzylinders im Innenraum verzichtet. Leider muss sie bei jedem Neustart neu ausgewählt werden - genauso wie die Gasannahme des Turbomotors samt Getriebeabstimmung, die nur in der Einstellung "Race" ohne eine nervige Gedenksekunde auskommt.
Am Rande: Zu allem Ärgernis müssen darüber hinaus auch Assistenzsysteme nach jedem Start erneut abgeschaltet oder die Einstellung des Abstandsradars immer wieder aufs Neue eingerichtet werden.
Tolles Fahrwerk, rückmeldungsarme Lenkung
Keine besonderen Einstellungen haben hingegen Fahrwerk und Lenkung nötig, um überzeugend zu funktionieren. Der Tiguan lenkt spontan ein und setzt den Lenkbefehl überragend souverän um. Die Lenkung arbeitet mit einer angenehmen Gewichtung, nur die Rückmeldung könnte - typisch für Volkswagen - gerne stärker ausgeprägt sein.
Das Fahrwerk aber ist unser größter Lichtblick am VW-R-Himmel: Stets mit ausreichend Restkomfort versehen, bietet es dermaßen viele Reserven, dass sportwagenähnliche Geschwindigkeiten auf der Landstraße möglich sind. Und das in einem VW Tiguan!
Unschlagbare Fahrdynamik im Segment
Zusammen mit dem eingangs erwähnten Hinterachsdifferential ergibt sich eine runde Fahrdynamik, die im Mid-Size-SUV-Segment wohl allenfalls von deutlich höherpreisigen und vor allem leistungsstärkeren Kontrahenten übertroffen wird.
Treffsicher bremst man die enge Rechts kurz an, geht in Fahrstufe zwei, platziert "den R" millimetergenau in Richtung Scheitelpunkt und schießt mit einer eigentlich viel zu hohen Geschwindigkeit ohne nennenswertes Untersteuern in die Kurve, aus der es mit eher hecklastiger Leistungsverteilung wieder rausgeht. Wer hätte gedacht, dass wir so eine Testzeile mal über einen Tiguan schreiben würden?
Fazit
So überzeugt der VW Tiguan R neben seiner Allroundfähigkeit vor allem durch seine sportlichen Attribute, die betont viel Fahrspaß vermitteln. Unser Testverbrauch lag derweil zwischen neun und 11 Liter auf 100 Kilometer (laut Bordcomputer), was für die gebotene Leistung noch angemessen erscheint. Weniger angemessen wirkt der Grundpreis von knapp 60.000 Euro. Dass die Assistenten stark bevormunden und das Lenkrad für eine solche Sportskanone unpraktisch ausfällt, müssen Interessierte in ihre Kalkulation wohl oder übel mit einplanen. (Text und Bild: Maximilian Planker)
Technische Daten*
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