Erster Test: Mercedes-Benz X-Klasse – Geschniegeltes Lastentier

Bisweilen nutzen auch ganze Familien die offene Pritsche für die Fahrt in die nächste Stadt. Das Segment macht weltweit rund zwei Millionen Fahrzeugverkäufe aus – pro Jahr. Ein lukratives Geschäft. Besonders, wenn man als Hersteller Allianzen bildet, somit bei der Entwicklung Geld spart, es sogar gemeinsam produziert und das Modell dann mit eigenem Outfit unter seiner eigenen Marke auf die Straße bringt. Dieser Versuchung konnte selbst Mercedes nicht widerstehen, als man plante, als Premium-Hersteller einen Pick-up in sein Portfolio aufzunehmen. Die X-Klasse, wie der kleine Pritschen-Laster genannt wird, ist technisch weitgehend gleich mit dem Nissan Navara und dem Renault Alaskan. Alle drei laufen in Barcelona vom Band.
Mercedes-like
Natürlich möchte Mercedes sich aus diesem Trio so weit wie möglich herausheben. Vor allem, was das Design und Qualität angehen. So gleicht kein Blechteil dem der Brüder. Die Stuttgarter gingen sogar soweit, die Karosserie fünf Zentimeter breiter zu gestalten. Damit kann nicht einmal mehr die Windschutzscheibe gemeinsam verwendet werden. Im Innenraum hieß die Devise: Mercedes-like. So erinnert in der Gestaltung des Armaturenbretts die X- stark an die V-Klasse. Gleiche Instrumente, gleiche Schalterleiste, gleiches freistehende Display. „Wir wollten ein Coming-Home-Gefühl erzeugen“, sagt Kai Siebert, Designchef Mercedes-Benz Vans. Leider hat man es aus Kostengründen versäumt, die Lenksäule auch in Längsrichtung verstellbar zu machen. So etwas haben heute Autos teils bei den Kleinwagen serienmäßig. In der X-Klasse lässt sich das Volant lediglich hoch- und runterschieben. Das mag für viele, aber eben nicht für alle ausreichen und vereitelt mitunter eine optimale Sitzposition.
Die X-Klasse gibt es ausschließlich als Doppelkabine und ist damit ein Fünfsitzer. Das kostet zwar Ladelänge auf der Pritsche, dafür eignet sich der Pick-up aber eben auch als Familienauto, ähnlich wie ein SUV. Überhaupt will Mercedes die X-Klasse eher in Richtung Privatkunde positionieren. Entsprechend vielfältig ist die Preisliste gestaltet, vor allem, was Materialien und Zierteile angehen. Wählen kann der Kunden zwischen drei Ausstattungslinien. Sie heißen Pure, Progressive und Power. Letztere macht mit weiteren Style-Paketen die X-Klasse zum kleinen Luxus-Laster. Klar, dass sich das auch preislich niederschlägt. Generell sollte man den Einstieg von 37.295 Euro nicht für bare Münze nehmen. Das ist ein recht karges Basismodell in tristem Outfit, ohne Chrom und Bling-Bling, mit 120 kW/163 PS, Handschaltung und Hinterradantrieb. Anfreunden sollte man sich eher mit Preisen um die 50.000 Euro.
Grenzbereich: Stadt
Fahren konnten wir die 190-PS-Version (Sechsgang-Automatik, zuschaltbarer Allradantrieb, ab 41.781 Euro), deren 402 Newtonmeter die zwei Tonnen schwere X-Klasse munter auf Trab bringen und für ausreichend Elastizität sorgen. Den Sportler will der Pick-up ohnehin nicht spielen. Das Überaschende allerdings ist, wie fest und solide sich die X-Klasse anfühlt, wie leise und komfortabel sie sich fahren lässt. „Wir haben sehr viel Aufwand bei der Geräuschdämmung und bei der Fahrwerksabstimmung getrieben“, sagt Entwicklungs-Ingenieur Christophe Pierron. Die X-Klasse erhielt im Vergleich zu Navara und Alaskan eine breitere Hinterachse, eine andere Geometrie und andere Lager, alles mit dem Ziel, den Laster locker über Löcher und cool um die Kurven gehen zu lassen. Selbst längere Autobahnstrecken sollten damit ohne weiteres möglich sein.
In seinen Grenzbereich dürfte die X-Klasse dagegen in der Stadt kommen. Er misst immerhin 5,34 Meter in der Länge. Das ist mehr als die S-Klasse auf die Straße bringt. Hinzu kommen 1,92 Meter Breite und 1,82 Meter Höhe. Das Auto ist ein ziemlicher Brocken und man ist dankbar um jeden Sensor und um die serienmäßige 360-Kamera, die das beulenfreie Rangieren halbwegs erträglich macht.
Die meisten Kunden dürften die X-Klasse als treuen Helfer und guten Kumpel nutzen. Der eine für die Großbaustelle oder den Gartenbaubetrieb, der andere, um sein Cross-Motorrad mit auf Wochenend-Tour zu nehmen oder einen schweren Hänger zu ziehen. 1,1 Tonnen erlaubt Mercedes als maximale Zuladung, was im durchschnittlichen Privatgebrauch wohl selten erreicht werden dürfte, es sei denn, man packt die Pritsche mit Ziegelsteinen voll. Boots- und Pferdebesitzer können sich über eine Anhängelast von bis zu 3,5 Tonnen freuen. Und auf einen kräftigen Sechszylinder-Selbstzünder. Denn schon im nächsten Sommer will Mercedes einen V6 mit 258 PS, 7-Gang-Automatik und neu entwickeltem Allradantrieb nachreichen. (Michael Specht/SP-X)
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