Kultiviert bis kernig: Neue Mercedes-S-Klasse im ersten Check

Die neue Mercedes-Benz S-Klasse auf einen Blick
Was uns gefällt
Die Kraft und Laufruhe des neuen Achtzylinders.
Was wir vermissen
Den Zwölfzylinder, den es nur noch im gepanzerten S Guard gibt.
Ideal wenn …
… der Vorstand gerade einen neuen Dienstwagen braucht.
Die Alternativen
7er BMW, Genesis G90, Lexus LS, Maextro S800
Stärken
- Starke & effiziente Motoren
- Sehr gute Verarbeitung
- Viel Platz (Langversion)
Schwächen
- Kaum Innovationen
- Sehr hoher Preis
- Kein Hyperscreen
Trendsetter S-Klasse – was ist dran?
„Das Beste oder nichts!“ Mit diesem Satz soll schon Gottlieb Daimler den Qualitätsanspruch seines damals noch jungen Unternehmens formuliert haben. Seinen Kompagnon Carl Benz hingegen trieb „die Liebe zum Erfinden“. Mehr als fünf Jahrzehnte lang erfüllte die S-Klasse von Mercedes diese Ansprüche. Ob ABS, Gurtstraffer, Luftfederung oder Abstandstempomat – das Daimler-Top-Produkt war immer auch technologischer Taktgeber. Dazu noch ein Spruch aus Zuffenhausen: „Die S-Klasse folgt keinen Trends – sie setzt die Trends.“
An diesen Ansprüchen muss sich auch das Facelift der mittlerweile siebten Generation messen lassen, die mit einem noch nie da gewesenen technischen Aufwand runderneuert wurde. 50 Prozent aller Komponenten, in der Summe 2.700 Teile, wurden neu oder weiterentwickelt – vom digitalen Nervensystem bis hin zum Herzstück, zu den Motoren.
Superhirn mit drei KI-Assistenten
Ein Auto, drei Karosserielängen – mit kurzem Radstand (5,18 Meter Fahrzeuglänge), langen Radstand (5,30 m) und als Maybach-Variante (5,47n). Das ist die S-Klasse 2026, die man ab 121.356 Euro erwerben kann. Neu ist der um 20 Prozent größere Kühlergrill mit beleuchtetem Rand und Sternen-Lichtsignatur. Er soll zum neuen Markenzeichen aller neuen Mercedes-Modelle werden.
Das Interieur wird vom serienmäßigen Superscreen beherrscht, der sich über das ganze Armaturenbrett erstreckt und schon aus dem Vorgänger bekannt ist. Den neuen Hyperscreen gibt es nicht in der S-Klasse. Im GLC und in der der neuen C-Klasse kann man ihn hingegen bestellen. Interessant ist das Superhirn, das dahintersteckt. Ein wassergekühlter Megarechner, der alles steuert und kontrolliert. Erstmalig zum Einsatz kommt das neue Mercedes-Betriebssystem MB.OS, das gleich mehrere KI-Assistenten wie ChatGPT, Google Gemini und Microsoft Bing miteinander kombiniert.
Bye, bye Zwölfzylinder – den hat die EU auf dem Gewissen
Jetzt könnten wir noch weiter schwadronieren über feine Ausstattungen mit Yachtholz, über Dutzende Leder-Varianten, bunte Ziernähte und womit man sich seine S-Klasse sonst noch standesgemäß ausrüsten könnte. Aber das alles ist selbstverständlich für ein Fahrzeug, das dem schlichten Anspruch, „das beste Auto der Welt“ sein zu wollen genügen möchte. Wir wollen uns auf eine ganz andere Frage konzentrieren. Ist der Sitz rechts hinten im Fond wirklich der beste Platz in der neuen S-Klasse, oder macht das Fahren so viel Spaß, dass man lieber vorne links das Steuerrad selbst in der Hand nimmt?
Und das hat wiederum etwas zu tun mit dem Herzstück der neuen S-Klasse, mit den neuen Motoren. Denn auch hier haben die Entwickler nicht nur eine Hand angelegt, sondern zwei oder drei. Beim Fahrtermin im hohen Norden der Republik, konnten wir alle Maschinen testen. Bis auf den Zwölfzylinder. Denn der fällt den EU-Schadstoff-Regularien zum Opfer. Mit einer Ausnahme. Wer die gepanzerte S-Klasse bestellt, der bekommt auch weiterhin dieses wunderbare Triebwerk.
Luftfeder und Hinterachslenkung – nur schweben ist schöner
Bevor wir zum Motoren-Check kommen, noch ein Wort zum Fahrwerk der neuen S-Klasse. Natürlich reden wir hier über die Luftfederung Airmatic und natürlich auch über eine standesgemäße Hinterachslenkung. In der Serienversion schlägt sie bis 4,5 Grad ein und reduziert so nicht nur den Wendekreis, sondern erhöht auch die Agilität in den Kurven. Wer will, kann hier sogar noch auf 10 Grad erhöhen. Dann kann man die S-Klasse zwar nicht auf einem Bierdeckel wenden, aber 10,8 Meter sind ja auch schon eine echte Ansage für so eine lange Limousine.
Die Luftfederung Airmatic ist mit einer intelligenten Dämpferregelung ausgestattet, die via Car-to-X auf Daten anderer Fahrzeuge zurückgreift und deshalb maximal vorbereitet ist auf die Unwägbarkeiten der Straße. Der fliegende Teppich als Vergleich dafür wurde zwar schon oft bemüht, aber genauso fühlt sich die Fahrt mit der neuen S-Klasse an. Fein austariert schwebt der Benz über den Asphalt, so als ob Bodenwellen und Rinnen nicht existent wären. Ruhig und ausgeglichen fühlt sich das an. Wellness auf Rädern. Und wenn es sein muss, hetzt der Luxus-Benz agil und frech um die Kurven.
Nun aber zum Motorenprogramm. Grundsätzlich sind alle reinen Verbrenner mit einem 17 kW starken, im Getriebe integrierten Startergenerator ausgestattet. Der so genannte ISG unterstützt Benziner und Diesel-Motoren einerseits im unteren Drehzahlbereich, sorgt auf der anderen Seite aber auch für einen geringeren Verbrauch im Segelmodus, in dem nur wenig Leistung erforderlich ist. Serienmäßig wird die S-Klasse auf allen vier Rädern angetrieben.
Der neue V8-Benziner: Kultiviert und souverän
Sofort verliebt haben wir uns in den neuen Achtzylinder. Der V8, der im Mercedes-Benz S 580-Langversion zum Einsatz kommt, leistet 395 kW / 537 PS und powert mit einem Drehmoment von 750 Nm zwischen 2.500 und 4.500 U/min. Maximale Power in einem langen Drehzahlbereich – das ist wahrhaft souveräne Kraftentfaltung. Dafür wurde der Turbo-Motor an vielen Stellen verbessert. Darunter das Einspritzsystem, überarbeitete Lader und eine neue Flat-Plane-Kurbelwelle, die schneller dreht und dadurch die Leistung noch flotter und direkter zur Verfügung stellt.
Der V8 ist ein echtes Gentleman-Triebwerk. In aller Regel kultiviert und zurückhaltend, wenn es ein muss, packt es jedoch den nötigen Punch aus, um lässig und ohne Anstrengung zu überholen. Ein Motor, bei dem es reicht, zu wissen, dass er kann, wenn er muss oder will. Laufruhig, souverän, mit einem erwachsenen und unaufdringlichen Sound.
Vom geschäftigen Diesel bis zum korrekten Plug-in Hybrid
Unter dem V8 rangiert der ebenfalls stark überarbeitete Sechszylinder-Benziner. Er werkelt im S450 und S500 und bringt 330 kW / 449 PS auf die Straße. Ein elegantes 3-Liter-Triebwerk das mit einem Drehmoment von 600 Nm ausgestattet ist. Mit Overboost stehen sogar 640 Nm zur Verfügung. Ruhig, leise, dynamisch. So fährt sich der Sechszylinder, allerdings fehlt ihm die Emotionalität des Achtzylinders. Eine echte Chauffeurs-Limousine ohne Höhen und Tiefen, ruhig leise und zurückhaltend.
Kommen wir zum kernigsten Antrieb. Der Diesel-Maschine. Schon der Vorgänger des Sechszylinder-Selbstzünders hat uns überzeugt. Knackiges Drehmoment (750 Nm), lauffreudig wie ein Benziner – und sparsam noch dazu. Der OM 656 Evo glänzt mit einem konsequenten Durchzug und einem dazu passenden Sound. Durch den neuen elektrisch beheizbaren Katalysator erfüllt der Diesel auch künftige Abgasgesetze und ist damit eine echte Option auch für so eine Luxus-Limousine. Mit 270 kW / 367 PS steht ausreichend Power zur Verfügung. Reicht für knapp über fünf Sekunden von 0 auf Tempo 100 und das bei einem Gewicht von über zwei Tonnen. Über den geringen Verbrauch reden wir an dieser Stelle nicht, das dürfte S-Klassen-Besitzer kaum interessieren
Und dann gibt es noch den Sanftmütigen. Den Plug-in-Hybrid mit 430 kW / 585 PS – dem stärksten Antrieb der neuen S-Klasse. Er schafft mehr als 100 Kilometer rein elektrisch und ist die politisch-korrekte Variante der Vorstands-Limousine. Sanft und leise, wenn man das Gaspedal streichelt. Laut und wütend, wenn man die ganze Leistung abruft. Einen echten Patzer erlaubt sich Mercedes bei den Bremsen. Hier muss man ziemlich reinstiefeln, um den Schwerenöter zu bändigen. Das Blending, also der Übergang zwischen elektronischen und physischen Bremsen ist nicht gut dosiert.
Erstes Fazit
Ist die aktuelle S-Klasse ein Technologieträger? Neues Betriebssystem, beheizbarer Sicherheitsgurt – hausintern erfüllt das Flaggschiff möglicherweise die wichtigsten Anforderungen. In der Summe sind es zu wenig Innovationen. Und dass es der neue Hyperscreen nicht in das Spitzenmodell geschafft hat, ist auch ein Manko. Überzeugend sind Fahrwerk und vor allem das neueste Motorenprogramm. Da ist so viel Spaß dabei – da wird so mancher Firmenchef lieber selbst zum Steuer greifen und den Chauffeur auf die hinteren Sitze verbannen. Und das auch noch völlig freiwillig. (Text: Rudolf Bögel Bilder: Hersteller)
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