Mercedes-Benz 600 SEL W140 im Oldie-Test: Des Kanzlers Auto!

Der Mercedes-Benz 600 SEL der Baureihe W140 steht für eine Zeit, in der die S-Klasse das technisch Machbare ausloten sollte. Im Oldie-Test zeigt der frühe Zwölfzylinder aus 1991 mit 408 PS, wie beeindruckend Laufruhe und Reisekomfort bis heute sind - und warum der Kaufpreis nur die halbe Miete ist.

Das Wichtigste zuerst

Der Mercedes-Benz 600 SEL von 1991 ist die lange V12-Version der S-Klasse der Baureihe 140. Sein 6,0-Liter-Saugmotor leistet 300 kW/408 PS und entwickelt 580 Nm Drehmoment. Eine Viergangautomatik überträgt die Kraft an die Hinterräder. Die 5,21 Meter lange Limousine erreicht nach Herstellerangaben in 6,3 Sekunden Tempo 100 und wird bei 250 km/h elektronisch abgeregelt. Im AutoScout24 Oldie-Test überzeugt der 600 SEL durch seine Laufruhe, seinen Federungskomfort und das großzügige Platzangebot. Ein Verbrauch um 20 Liter auf 100 Kilometer und die aufwendige Technik verlangen allerdings ein entsprechendes Unterhaltsbudget.


Stärken, Schwächen, Alternativen

Was uns gefällt

Die souveräne Kraftentfaltung des V12 und die bis heute beeindruckende Verarbeitungsqualität.

Was wir vermissen

Die Beherrschbarkeit der Wartungs- und Unterhaltskosten.

Ideal, wenn …

… man ein Stück automobile Zeitgeschichte mit zwölf Zylindern erleben möchte.

Die Alternativen

BMW 750iL E32, Jaguar XJ12, Daimler Double Six, Mercedes-Benz 500 SEL/S 500 W140


Stärken

  • Souveräner V12
  • Hoher Reisekomfort
  • Sehr gute Verarbeitung

Schwächen

  • Hoher Verbrauch
  • Teuer im Unterhalt
  • Geringe Verfügbarkeit

AutoScout24 als bevorzugte Google-Quelle festlegen - für mehr News, Tests und Ratgeber in deiner Suche.

AutoScout24 bei Google bevorzugen

mercedes-w140-600-sel-front-dynamic

Der automobile Luxus der Nachwendejahre

Es gibt ein Auto, das mit den Nachwendejahren und dem Ende der Bonner Republik ungefähr so unzertrennbar verbunden ist wie der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl: die Mercedes-Benz S-Klasse des Typs W140. Die unter anderem von Olivier Boulay unter Leitung von Mercedes-Chefdesigner Bruno Sacco gestaltete Baureihe galt ab 1991 nicht nur als bestes Auto der Welt und wurde unter anderem für den hochkarätigen Staatsdienst genutzt. Sie stand erstmals auch für eine gewisse Dekadenz im Automobilbau, die nicht wenige Beobachter kritisch sahen.

Schließlich, und das kann man sich beim Anblick des W140 heute kaum noch vorstellen, passte diese bis zu 5,21 Meter lange und bis zu 2,16 Meter breite Limousine mit ausgeklappten Seitenspiegeln seinerzeit nicht einmal auf den Autozug nach Sylt. Hinzu kam beim frühen 600er die eher peinliche Nachlässigkeit der Verantwortlichen, nicht auf eine ausreichende Zuladung zu achten.

Mercedes-Benz 600 SEL, frühe Ausführung ab 1991 Technische Daten
Hubraum 5.987 cm³
Leistung / Drehmoment 408 PS bei 5.200/min / 580 Nm bei 3.800/min
Länge / Breite ohne Spiegel 5.213 / 1.886 mm
Radstand 3.140 mm
DIN-Leergewicht 2.190 kg, ohne zusätzliche Sonderausstattung
Tankvolumen 100 Liter
Neupreis, März 1991 198.360 DM

Apropos dekadente Züge dieses Wagens: Das Bundeskanzleramt beschaffte für den damaligen Kanzler Kohl und dessen langjährigen Fahrer Eckhard „Ecki“ Seeber „nur“ gepanzerte 500 SEL. Wir sind dagegen im Rahmen des Car Design Event nahe der Loh Collection im Dietzhölztal mit der damaligen V12-Ausnahmemotorisierung unterwegs. Der erste Nachkriegs-Zwölfzylinder von Mercedes-Benz war nicht weniger als eine Kampfansage an BMW. Die Münchner hatten ja bekanntlich bereits 1987 mit dem 750i E32 einen V12 vorgestellt.

mercedes-w140-600-sel-front-motor

Davon brüskiert, schoben die Stuttgarter das Debüt der eigentlich schon fertig entwickelten Baureihe 140 nochmals auf. Die entstandenen Mehrkosten und der Imageverlust für Daimler kosteten am Ende den damaligen Leiter der Mercedes-Pkw-Entwicklung, Dr. Wolfgang Peter, seinen Posten. Intern wurde ab Ende der 1980er-Jahre dann fieberhaft daran gearbeitet, die bereits bestehenden Entwürfe des M120 zur Serienreife zu führen - mit der klaren Maßgabe, dass der Motor statt der 300 PS des M70 von BMW ganze 300 kW, also 408 PS, leisten sollte.

Der Mercedes-Benz 600 SEL im Video


Mercedes-Benz 600 SEL gegen BMW 750iL: 300 kW statt 300 PS

Und tatsächlich: Das Mercedes-Aggregat M120 brachte im Vergleich zum BMW M70 stolze 108 PS mehr auf die Straße. Von null auf 100 km/h nahm der etwa 400 Kilogramm schwerere 600 SEL dem 750iL deutliche 1,4 Sekunden ab, bei 250 km/h rasselten beide in den elektronischen Begrenzer.

Spannend an beiden deutschen Zwölfzylindern ist zudem, dass sie die Basis für spätere Supersportwagen bildeten. Während der BMW-V12 ab 1993 als Sportversion S70 im McLaren F1 zum Einsatz kam, wurde der Block des M120 ab 1999 in einer von Mercedes-AMG weiterentwickelten Form im Pagani Zonda verbaut. Letzteres verhalf dem Motor zu einem Kultstatus, der bis heute anhält.

Vergleich der frühen Versionen Mercedes-Benz 600 SEL BMW 750iL E32
Motor 6,0-Liter-V12, M120 5,0-Liter-V12, M70
Leistung 300 kW/408 PS 220 kW/300 PS
Drehmoment 580 Nm 450 Nm
Getriebe / Antrieb Viergangautomatik / hinten Viergangautomatik / hinten
0–100 km/h 6,3 s 7,4 s
Vmax 250 km/h, abgeregelt 250 km/h, abgeregelt

So fährt sich der 408 PS starke 600 SEL heute

Aber blicken wir auf das vom Mercedes-Museum entliehene Testobjekt. Hierbei handelt es sich um einen frühen 1991er 600 SEL, also die auf 5,21 Meter gestreckte Langversion, deren zusätzliche zehn Zentimeter ausschließlich den Fondpassagieren zugutekommen. Anstelle des bekannten Leders wurde im Vorführer Velours verbaut - eine damals 2.661,90 DM teure Sonderoption. Verglichen mit dem Neupreis waren das jedoch Peanuts. 1991 kostete der lange Zwölfzylinder nämlich stolze 196.360 DM. Mehr als doppelt so viel, wie man für die W140-Basis als 300 SE (ab 87.894 DM) berappen musste.

Wenn man nun bedenkt, dass ein Ferrari 512 TR 1991 mit 428 PS an den Start ging, kann man erahnen, in welcher Königsklasse Mercedes-Benz damals mit seinem 408 PS starken V12 unterwegs war. Und auch heute noch beeindruckt der großvolumige Saugmotor durch seine Kraft und Gelassenheit. Während die Maximalleistung erst bei 5.200 Umdrehungen anliegt, steht das maximale Drehmoment bereits bei 3.800 Umdrehungen bereit. Wer den W140 600 SEL beherzt bewegt, hat selbst gegen das eine oder andere Elektroauto weiterhin nicht das Nachsehen, wie ein Selbstversuch zeigte. Angemessen ist eine solche Hatz diesem Fahrzeug allerdings gewiss nicht.

mercedes-w140-600-sel-front-cockpit

Reisen und tanken wie ein König

Neben dem bekannten Stammtischspruch, dass Hubraum durch nichts zu ersetzen sei, gilt beim 6,0-Liter-V12 im W140 derweil auch eine weitere Aussage: Kraft kommt von Kraftstoff! 20 Liter Super Plus auf 100 Kilometer sind eher die Regel als die Ausnahme, der Kraftstofftank fasst 100 Liter. Einmal komplett vollzumachen kostet mit Stand September 2026 also etwa 240 Euro.

Ist der Benzintank gut gefüllt, präsentiert sich das etwa 2,3 Tonnen schwere „Dickschiff“ auch heute noch als ultimativer Reisewagen. Die Viergangautomatik schaltet beinahe unmerklich, und das damals neue ADS-Fahrwerk schluckt die meisten Straßenschäden mit großer Zuverlässigkeit. Doch auch um die eine oder andere schnelle Kurve ist der Benz nicht verlegen.

Auch interessant zu lesen

Mit Blick in den hochwertig ausstaffierten Innenraum halten wir fest, dass es vorne nicht nur reichlich Platz für die Beine gibt, sondern auch zur Seite. Im Fond des 600 SEL kommt ebenfalls keine Platzangst auf. Die üppig dimensionierte Doppelverglasung sorgt für Übersicht in alle Richtungen. Wer mit der S-Klasse rückwärts einparken muss, kann währenddessen an den berühmt-berüchtigten, pneumatisch ausfahrbaren Peilstäbe grob ermitteln, wo die Grenzen des 5,21 Meter langen Mercedes liegen.

Was heute belächelt wird, war Anfang der 1990er-Jahre Ausdruck eines Detaildenkens, das sich bei neuen Autos kaum mehr finden lässt. Die zahlreichen ingenieurstechnischen Highlights würden den Text sprengen. Sicherlich zählen aber die Zuziehhilfe an allen Türen, der ausfahrbare Kofferraumgriff, der elektrisch verstellbare Innenspiegel, das seinerzeit neuartige CAN-Bus-System und bei späteren Modellen die Sprachsteuerung Linguatronic zu den wichtigen Besonderheiten des W140.

mercedes-w140-600-sel-detail

Der W140 600 SEL als Gebrauchtwagen

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist: Gepflegte Mercedes-Benz 600 SEL kosten auf AutoScout24 mit Stand Oktober 2026 zwischen 13.000 und 20.000 Euro. Spätere S 600 werden teilweise auch deutlich teurer gehandelt. „Wer billig kauft, kauft womöglich zweimal“ gilt besonders bei Importmodellen aus Japan. Weil diese oftmals im Stop-and-go-Verkehr bewegt wurden, lösen sich die Ummantelungen der Kabelbäume im Motorraum aufgrund der hohen Temperaturen über die Jahre noch stärker auf als bei EU-Modellen.

Neben der Motorkabelbaumthematik sollte im Alter besonders der Verdampfer der Klimaanlage geprüft werden. Auch ein unruhiger Motorlauf kann beim Zwölfzylinder schnell auf hohe Folgekosten hindeuten. Die genannten Punkte sind dabei natürlich nur ein kleiner Auszug aus den möglichen Schwachstellen - insbesondere beim W140 sollte vor dem Kauf eine sachkundige Person einen gründlichen Blick auf das Fahrzeug werfen.

mercedes-w140-600-sel-heck

Fazit

Die Mercedes-Benz S-Klasse der Baureihe W140 zählte Anfang der 1990er-Jahre zu den besten Autos, wenn sie nicht sogar das beste war. Für viele hatten die Stuttgarter damals ihren Zenit in Sachen Detailverliebtheit und Qualität erreicht. Besonders der Nachfolger W220 tat sich schwer, in die großen Fußstapfen zu treten. Einst wegen seiner Größe belächelt, fällt auch ein 600 SEL im normalen Straßenverkehr heute kaum mehr auf; und wenn, dann wegen seiner Seltenheit.

Besonders frühe V12 sind heute rar und tatsächlich gesuchte Stücke automobiler Zeitgeschichte. Die Laufruhe, Durchzugsstärke und generelle Souveränität des M120 sind legendär - sein Spritverbrauch ebenso. Unabhängig von der Motorisierung sollte im Alter für den Unterhalt eines W140 ordentlich Geld eingeplant werden. Das Ingenieurauto von damals braucht besonders heute eine fachkundige Hand, um am Leben gehalten zu werden. (Text: Thomas Vogelhuber | Bilder: Hersteller)

Artikel teilen

avataras24.jpg

Thomas Vogelhuber

Thomas Vogelhuber ist seit März 2019 Chefredakteur des AutoScout24 Magazins und verantwortet die inhaltliche sowie strategische Ausrichtung der Redaktion einschließlich der Weiterentwicklung aller Content-Formate, insbesondere im Bereich Video. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Automobiljournalismus und beschäftigt sich mit aktuellen Mobilitätstrends, neuen Antriebstechnologien sowie der Entwicklung des Automobilmarktes. Privat fährt er eine Mercedes-Benz S-Klasse S 450 4Matic W221.

Alle Artikel

Alle ansehen
image high 07

Mercedes-Maybach GLS 680 im ersten Check: Schampus aus Silberkelchen

Ein SUV ist das beliebteste Maybach-Modell. Von Miami über Monaco bis Mumbai – die Reichen und Schönen lieben den GLS, der bei stattlichen 198.000 Euro startet. Angetrieben wird die Neuauflage des Edel-SUVs von einem 612 PS starken Achtzylinder-Benziner. Erste Sitzprobe im Luxus-Liner von Mercedes.

Mehr lesen
Mercedes-Maybach GLS 680 im ersten Check: Schampus aus Silberkelchen
2027 Mercedes-Benz C-Class Electric - FD - DI - 260720 - 18

Mercedes C 400 4Matic elektrisch im Test: Das Ende des Verbrenners?

Der elektrische Mercedes C 400 4Matic leistet 360 kW/490 PS, lädt mit bis zu 330 kW und kommt laut WLTP maximal 753 Kilometer weit. Auf der ersten Fahrt durch den Schwarzwald überzeugt er mit Qualität, Komfort und erstaunlicher Effizienz – wäre da nicht der Einstiegspreis von 64.325 Euro.

Mehr lesen
Mercedes C 400 4Matic elektrisch im Test: Das Ende des Verbrenners?
titelbild-i3-ceq

Elektrische Mercedes C-Klasse vs. BMW i3 (Neue Klasse): Welches Premium-Elektroauto ist besser?

Es ist der wichtigste Zweikampf der Premium-Mittelklasse im Elektro-Zeitalter: Die elektrische Mercedes-Benz C-Klasse und der neue BMW i3 der „Neuen Klasse“. Prunkvolles Design und Luxus-Komfort gegen einen mutigen Technologiesprung. Welches Fahrzeug bietet das beste Gesamtpaket für Deine Ansprüche?

Mehr lesen
Elektrische Mercedes C-Klasse vs. BMW i3 (Neue Klasse): Welches Premium-Elektroauto ist besser?