Machtwechsel bei VW: Heilsbringer mit Halbtagsjob?

Ein Münchner in Niedersachsen
Sieben Jahre stand Diess an der Spitze des Konzerns. Einst von Winterkorn von BMW nach Wolfsburg geholt, um Volkswagen auf Platz eins der Automobilhersteller zu zementieren. Es folgte der Dieselskandal und Diess musste nicht nur Sanierer, sondern auch Aufklärer spielen. Seine einstweilen forschen Methoden stießen bei der Belegschaft und dem restlichen Management nicht immer auf große Freude. Der Widerstand formierte sich entsprechend früh und begleitete sein Amt als Markenchef und später als Vorstandsvorsitzenden stets.
Probleme beim Golf und Qualitätsmängel an der ID-Serie
Wirklich ernst wurde es für den Diess allerdings, nachdem der Start des Golf 8 gründlich missglückte. Das Volumenmodell der Wolfsburger wurde vom Start weg zum Problemkind und die priorisierte ID-Serie sorgte für noch größere Probleme, nicht nur in Sachen Qualität, sondern vor allem in Sachen Software. Auf Halde produzierte Autos, denen manuell ein Softwareupdate im Nachgang verpasst werden musste hatte man bis dato noch nie gesehen im Konzern. Der Aufsichtsrat tobte, doch die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch hielten noch zu ihm, wenn auch unter starken Auflagen
CARIAD brachte Diess zu Fall
Was endgültig zum Rauswurf des 63-jährigen Managers geführt hat bleibt offiziell im Verborgenen. Klar ist allerdings, dass es am vergangenen Freitag (22.07.2022) im Aufsichtsrat vor allem um die Softwaretochter CARIAD gegangen sein dürfte und deren Probleme. Beauftragt mit der Konsolidierung der Betriebssysteme aller Konzernmarken und federführend für das Ausrollen der Software im kommenden Porsche Macan EV und den Audi-Schwestermodellen, stockt der Prozess derart, dass der Verkauf der Fahrzeuge erst verspätet anlaufen kann. Ein Offenbarungseid, nicht nur für die Entwickler, auch für die Konzernführung.
Radikale Transformation und mutige Entscheidungen
Man vergisst angesichts der Mängelliste schnell, dass Diess allerdings auch extrem viel bewirkt hat. Die ID-Serie wird heute von vielen Branchenkennern als sehr solide E-Architektur geschätzt und vor allem die Fertigungstiefe und das intern bei VW aufgebaute Elektro-Know-how beeindrucken. Die erst jüngst in Salzgitter eröffnete Gigafactory, in der VW vom Rohstoffmanagement über die Zellproduktion bis hin zum Recycling den gesamten Batterielebenszyklus selbst in der Hand hat, ist beispiellos in der Branche und angesichts der Lieferketten-Verwerfungen und sich immer stärker verschärfenden Rohstoffproblemen ein echtes Ass im Ärmel. Hier hat Diess mehr Weitblick gezeigt als die meisten seiner Konkurrenten. Und seine mutigen Entscheidungen dürften sich für seinen Nachfolger auszahlen.
Oliver Blume gilt als Teamplayer
Für Oliver Blume, der nun mit relativ jungen 54 Jahren die Nachfolge antritt, ist das Feld deshalb besser bestellt, als es die Schlagzeilen aktuell suggerieren. Man sagt dem Porsche-Lenker gute Teamfähigkeit nach und dennoch die Gabe, strategisch wichtige Entscheidungen treffsicher und zur Not auch im Alleingang zu fällen. Größter Vorteil für ihn: Er kennt sich im Konzern-Kosmos und dessen politischen Seilschaften bestens aus, wurde er doch bei VW und Audi ausgebildet.
Viele Baustellen für den neuen Chef
Allerdings ist die Aufgabe für Blume ein echter Herkules-Job. Er muss nicht nur die zerstrittenen Gemüter in Wolfsburg einen, er muss vor allem bei Porsche weiterhin den Taktstock schwingen. Gerade hat er den Sportwagenhersteller auf den kommenden Börsengang vorbereitet und die letzten Margen-Prozente herausgequetscht. Nun möchte er für die harte Arbeit auch die Lorbeeren einfahren und bleibt deshalb auch in Zuffenhausen im Chefsessel sitzen. Man darf gespannt sein, ob das, was Diess in Vollzeit nicht geschafft hat, von Blume zunächst im Halbtags-Pensum erledigt werden kann. (Text: as24 | Bilder: Porsche)
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