Hyperscreen, Superhirn, Achtzylinder: Erste Mitfahrt in der neuen Mercedes S-Klasse (2027)

Die neue Mercedes S-Klasse auf einen Blick:
Was uns gefällt
Alle neuen Verbrenner-Motoren.
Was wir vermissen
Einen beleuchteten Mercedes-Stern auf der Kühlerhaube.
Ideal wenn …
… man ein dickes Bankkonto hat und einen Chauffeur.
Die Alternativen
BMW Siebener, Audi A8 (noch), Lexus LS.
Wenn die S-Klasse Erfolg hat, dann klingelt die Konzern-Kasse
Sie ist der Boss, die Visitenkarte von Mercedes-Benz. Und sie setzt die Maßstäbe im Konzern. Ob ABS oder ESP, ob Gurtstraffer oder Abstandsautomatik – die S-Klasse von Mercedes ist seit über 50 Jahren das technologische Schaufester der schwäbischen Entwickler. Auch bei den Motoren: Vom legendären V8 (M100) mit 6,9 Litern Hubraum und 286 PS, bis hin zum Fünf-Zylinder-Turbo-Diesel, der in der ersten S-Klasse im 300 SD sein Seriendebüt feierte. Von dieser legendären Baureihe W116 wurden zwischen 1972 und 1980 rund 473.000 Exemplare verkauft.
Und seitdem gilt ein ehernes Gesetz bei Mercedes: Wenn die S-Klasse Erfolg hat, dann klingelt es auch ordentlich in der Konzernkasse. Von daher ist jede Neuauflage ein wichtiger Moment in Sindelfingen. Auch wenn es sich wie hier im vorliegenden Fall nur um ein Facelift der seit 2020 gebauten elften Generation handelt. Aber was heißt hier Facelift? Mehr als 50 Prozent oder 2.700 Komponenten wurden überarbeitet oder neu entwickelt. Alles hat man uns bei einer ersten exklusiven Mitfahrt im Top-Modell S580 4Matic natürlich nicht sehen lassen, weil die eigentliche Weltpremiere noch vor der Tür steht. Aber so manches hat uns die gut 20-minütige Rundfahrt um das Stammwerk dann doch verraten.
Scheinwerfer werden zu Sternenwerfern
Auch wenn die gold-schwarz Tarnhülle die Karosserie geschickt vernebelt – man sieht, dass die Optik dezent überarbeitet wurde und einige Merkmale bekommen hat, die man schon von anderen neuen Mercedes-Modellen her kennt. Am getarnten Fahrzeug kann man erkennen, dass Front- und Heckleuchten mit den neuen sternförmigen Lichtsignaturen ausgestattet werden. Beim CLA hat man sie ja zum ersten Mal gesehen. Der größere Kühlergrill dürfte sich am neuen elektrischen GLC orientieren. Der Rahmen leuchtet, und ob noch andere Features wie etwa Kommunikations-LEDs dazukommen, darüber darf spekuliert werden.
Hyperscreen ist 1,41 Metern breit
Was für das Exterieur die Tarnfolie ist, das sind im Interieur die dicken schwarzen Stoff-Decken, die von den Fond-Bildschirmen hinter den Sitzen bis über die Mittelkonsole und das eigentliche Armaturenbrett alles verhüllen, was neugierige Journalisten schon jetzt gerne sehen würden. Wir gehen davon aus, dass im Cockpit der 1,41 Meter breite Hyperscreen mit OLED-Technik und einem eigenen Beifahrer-Bildschirm Einzug halten wird.
Premiere feierte das schwäbische Bord Kino ja schon vor einiger Zeit im elektrischen EQS, der nicht sonderlich erfolgreichen elektrischen S-Klasse. Auch im neuen Elektro-GLC darf die durchgehende schwarze Glasfläche glänzen. Hinter dem Hyperscreen mit seiner brillanten Auflösung steckt „physisch“ die grafische Power einer Gaming-Engine und „psychisch“ ein echtes Superhirn.
Rollender Konferenz-Saal mit Live-Übertragung
Das neue Betriebssystem MB.OS arbeitet mit diversen KIs und soll selbstlernend sein. Superschnell dank Nvidia-Hochleistungschip (bis zu 254 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde) steuert es jeden Aspekt des Autos – vom Infotainment bis hin zum automatisierten Fahren auf Level 2++. Das heißt, das Fahrzeug übernimmt zeitweise unter anderem Lenkung, Beschleunigen und Bremsen, der Fahrer bleibt jedoch in der Verantwortung.
Zurecht werden jetzt einige anmerken, dass die aktuelle S-Klasse optional bereits das automatisierte Fahren nach Level 3 beherrscht hat. Mercedes macht aufgrund hoher Entwicklungskosten und zu geringer Nachfrage allerdings vorübergehend einen Rückzieher.
So dürfte es noch eine Weile dauern, bis man in der S-Klasse voll automatisiert fahren und gleichzeitig eine Videokonferenz abhalten kann. Im Stand geht das ab dem Facelift allerdings jetzt schon. Jeder Sitz wird von eigenen Kameras und Mikrofonen angesteuert, sodass alle vier Passagiere via Internet zu einer Sitzung weit entfernt vom Fahrzeugstandort zugeschaltet werden können. Vermutlich – das konnten wir allerdings nicht sehen – gibt es die dazugehörige Live-Übertragung dann auf dem Infotainment-Bildschirm.
Bewährtes Fahrwerk lernt das Denken
Aber zurück zum Fahren. Sowohl auf dem Beifahrersitz als auch auf dem Chef-Platz rechts hinten, fühlt man sich wie auf einer Wolke. Das haben wir auch so erwartet. Die Luftfederung von Mercedes ist ja Legende. Die neue Generation wartet jedoch mit einer interessanten Neuheit auf. Eine Art lernendes Fahrwerk. Das muss man sich so vorstellen: Bei jedem Trip sammeln die Limousinen Daten über den jeweiligen Straßenzustand. Zum Beispiel lange Bodenwellen, tückische Löcher, oder Frostaufbrüche im Asphalt.
Sie verknüpfen diese Daten mit Koordinaten und schicken das Ganze dann in die Mercedes-Cloud. Jedes andere Fahrzeug, das mit der Technik ausgestattet ist, kann diesen digitalen Straßenzustandsbericht schon vorher abrufen. Auf diese Weise können Federn und Dämpfern auf den Punkt genau eingestellt werden – für ein möglichst komfortables Fahrgefühl. Damit wird die E-Active Body Control von Mercedes, die bislang nur mit Kameras und Sensoren die Straßenbeschaffenheit vorausberechnet hat, noch intelligenter und treffsicherer. Natürlich gibt es wieder eine Hinterachslenkung. Mit einem Lenkeinschlag von 4,5 Grad, optional auch mit 10 Grad, was vor allem für die extra lange Karosserie interessant ist.
Motoren: V8-Kaiser, V6-König und ein Diesel-Klassiker
Einige Neuigkeiten hat auch das Motorenprogramm zu bieten. Wir sitzen im Topmodell S580. Unter der Haube – der V8-Kaiser. Die Leistung des 4,0-Liter-Biturbo-Benziners steigt auf 395 kW / 537 PS, das Drehmoment auf 750 Nm. Ein kraftvolles und kultiviertes Triebwerk, das in viele Punkten noch verbessert wurde. Dank eines verfeinerten Einspritzsystems, einer überarbeiteten Nockenwelle und Verbesserungen am Verdichterrad und Turboladergehäuse spricht der Motor noch schneller an. Das würden wir gerne selber spüren. Aber schon auf dem Beifahrersitz fühlt sich die Maschine souverän, ruhig und entspannt an. Der Sound klingt kernig, aber zurückhaltend – und ist vor allen Dingen echt.
Unterhalb des V8-Kaisers tummelt sich der V6-König im S450. Auch das Dreiliter-Aggregat hat mehr Leistung, wie viel genau, wurde noch nicht verraten. Das Drehmoment macht jedenfalls einen echten Sprung von 500 auf 640 Nm in der Spitze. Dank eines neuen elektrischen Kompressors zieht sich die volle Power über einen Drehzahlbereich von 2.500 bis 4.500 U/min. Wie bei allen Motoren unterstützt ein Startergenerator mit 17 kW / 23 PS. Neben den Mild-Hybrid-Antrieben bringen die Stuttgarter auch wieder den Plug-in-Hybrid S580 e in Stellung, der bislang mit einer Systemleistung von 375 kW / 510 PS angetreten ist. Künftig sind es 55 kW / 75 PS mehr. Und auch bei der elektrischen Reichweite mit nun über 100 Kilometern legt Mercedes noch eine Schippe drauf.
Das Aggregat, auf das wir am meisten gespannt sind, ist ein echter Diesel-Klassiker, den Mercedes in die Neuzeit gebracht hat. Schon in der aktuellen Generation leistet der Mild-Hybrid-Sechszylinder 390 PS. Er powert mit 750 Nm und ist mega-effizient. Sechs Liter sind auch bei dynamischer Autobahnfahrt drin, das hat ein Praxistest von uns mit einem Mercedes E 450 d (folgt noch) ergeben. Das neue Aggregat wurde vor allem bei der Abgasnachbehandlung verbessert, um auch künftige Emissionsgrenzen einzuhalten. Herzstück ist ein weiterentwickelter elektrisch beheizter Katalysator.
Erstes Fazit
Auch nach 54 Jahren hat die S-Klasse seine Faszination nicht verloren. Auf der konventionellen (Verbrenner) Seite greift Mercedes wieder einmal in die Vollen. Vom Zwölfzylinder (Maybach), bis zum knackigen Achtzylinder-Biturbo und einer kernigen, aber effizienten Diesel-Maschine ist alles dabei, was deutschen Autos Weltruhm eingebracht hat. Schwer aufgerüstet haben die Stuttgarter auch auf der digitalen Seite. KI-gesteuertes Superhirn trifft auf Hyperscreen. Das alles ist sicher ein Erfolgsrezept für die alte Welt. Ob die S-Klasse damit die verlorene Kundschaft in China zurückholen kann, das steht in den (Mercedes-)Sternen. (Text: Rudolf Bögel | Bilder: Mercedes-Benz)
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