Erster Test: BMW M850i – Edler Groß-Gleiter

Und auch der erste Kontakt mit dem Münchner bleibt im Gedächtnis. Optisch ist der M850i eine Wucht. Er strahlt diese gewisse Souveränität aus, die dem 6er rein äußerlich etwas gefehlt hat. Breite Schultern, eine lange Motorhaube mit großem Powerdome und eine gewaltige Niere prägen die Frontansicht, während die Seitenansicht mit einer wundervoll geschwungenen Dachlinie begeistert, die am Heck schließlich in einem kleinen Entenbürzel endet. Dazu leuchtet unser Testwagen in „Sunset Orange“ und rollt auf filigranen schwarzen 20-Zöllern. Das Carbon Exterieurpaket und das Kohlefaser-Dach passen optisch zwar hervorragend zum Gesamtpaket ohne zu aufdringlich zu sein, schlagen mit 4.100 beziehungsweise 3.000 Euro aber auch ein ordentliches Loch in den Geldbeutel.
Der richtige Schliff
Der gute erste Eindruck, den das Exterieur-Design geschaffen hat, setzt sich auch im Innenraum fort. Die Anordnung von Mittelkonsole und Instrumententräger ist zwar typisch BMW, jedoch in wichtigen Punkten aufgefrischt worden. Besonderes Highlight: Einige Bedienelemente wie der iDrive-Controller, der Start-Stop-Knopf, der Lautstärkeregler und sogar der Gangwahlhebel sind optional aus diamantgeschliffenem Glas – letzterer fasziniert mit einer beleuchteten „8“ im Inneren des Glaskörpers. Auch die Sitzposition ist gut gelungen: sportwagentypisch angenehm tief und mit ordentlichem Seitenhalt dank variabler Wangen.
Nicht nur bei der optischen Auslegung des Interieurs hat BMW nachgewürzt, auch in Sachen Assistenten, Infotainment und Vernetzung macht der 8er einen Schritt nach vorne. Schon die Aufpreisliste für die Fahrhilfen ist lang: Die aktive Geschwindigkeitsregelung mit Stop & Go-Funktion, der Lenk- und Spurführungsassistent, sowie der Spurhalteassistent mit Seitenkollisionsschutz und Ausweichhilfe stehen Kunden unter anderem zur Verfügung. Mit einem 12,3 Zoll großen Tachodisplay, dessen Anzeigen sich frei konfigurieren lassen, hat der Fahrer jederzeit alle wichtigen Parameter im Blick. Abzüge gibt es lediglich für die leicht fummelige Bedienung über Lenkradknopf und Blinkerhebel sowie für die etwas unharmonische Darstellung der Drehzahl- und Geschwindigkeitsgraphen im Vieleck-Design. Der Infotainment-Bildschirm ist mit 10,25 zwar etwas kleiner als die Tachoeinheit, besticht aber mit einer scharfen Auflösung und der gewohnt einfachen Bedienung über den iDrive-Controller. Die zusätzliche Auslegung als Touchscreen scheint mittlerweile irgendwie dazuzugehören, die Bedienung per Rad auf der Mittelkonsole gestaltet sich aber deutlich einfacher als mit den Fingern auf dem Display. Und hässliche Abdrücke gibt es so auch keine.
Doch genug über Bildschirme und Assistenten geredet. Schließlich stellt BMW den M850i nicht umsonst auf der kurvigen Berg-und-Tal-Bahn im portugiesischen Estoril vor. Bevor es auf die Rennstrecke geht, ein kleiner Faktencheck: Der M850i ist mit einem neuen 4,4-Liter-V8 gesegnet, der es dank Turboaufladung auf 390 kW/530 PS schafft. Das maximale Drehmoment beträgt 750 Newtonmeter und liegt bereits bei 1.800 Umdrehungen pro Minute an. Verteilt wird die Kraft über einen Allradantrieb an alle vier Ecken des 8ers, wo sich Sportreifen in 245er- (Vorderachse) und 275er-Breite (Hinterachse) in den Asphalt krallen. Auch die Achtgang-Automatik macht eine gute Figur und passt sowohl von der Spreizung als auch von den Schaltzeiten hervorragend zum Achtzylinder.
Deutlich agiler, als gedacht
Los geht’s. Zum Warmwerden gibt es erstmal eine Runde auf der Landstraße entlang der Atlantikküste und durchs Hinterland in der Nähe von Lissabon. Hier kann der M850i vor allem mit seinem GT-Qualitäten punkten. Der Komfort ist hoch, selbst auf schlechten Straßen. Zudem versprüht das Triebwerk dank seiner Berge von Drehmoment eine wunderbar unaufgeregte Souveränität in niedrigen Drehzahlbereichen, die zum Cruisen anhält und den Passagieren keine zu große Lärmbelästigung zumutet, wenn die das nicht wollen. Aber der 8er kann auch anders. Schaltet man alle Systeme scharf (Sport-Plus-Modus) und aktiviert das DTC-Programm der Traktionskontrolle, wird der M850i deutlich agiler, als man es ihm aufgrund seiner ausladenden Proportionen und dem Leergewicht von 1.965 Kilogramm zugetraut hätte. Allerdings ist dank der Breite von knapp 1,90 Meter ohne Außenspiegel auf portugiesischen Landstraßen Vorsicht geboten, was den Kurvenspaß ein klein wenig einschränkt.
Gut, dass wir auch noch eine Rennstrecke zur Verfügung haben. Der ehemalige Formel-1-Kurs von Estoril ist an diesem Morgen noch leicht feucht und extrem rutschig – eine gute Voraussetzung, um den Grenzbereich des M850i gründlich zu erkunden. Wir starten im Sport-Plus-Modus, lassen Netz und doppelten Boden in Form des aktivierten DSC jedoch noch unangetastet. In 3,7 Sekunden geht es aus dem Stand auf Tempo 100, vor der ersten Kurve nach der langen Geraden staucht die optionale M-Sportbremsanlage den 8er zusammen, auch nach mehreren Runden noch mit zuverlässiger Wirkung und gleichbleibendem Druckpunkt im Pedal.
Gefühllose Lenkung
Vom Einlenk- über den Scheitel- bis zum Auslenkpunkt offenbaren sich dann die ersten wirklichen Schwächen des M850i: die eher gefühllose Lenkung (hier fehlt schlicht die Rückmeldung) und das hohe Gewicht. Während man den Fahrstil an erstere noch anpassen kann, fordern die knapp zwei Tonnen des 8ers Runde um Runde stärker ihren Tribut. Zwar sind die generelle Balance des Chassis und die Abstimmung des adaptiven Fahrwerks ausgesprochen gut, die Masse schiebt das Coupé aber vor allem über die Vorderachse, die mit schmaleren Reifen als die Hinterachse hier schon konzeptbedingt mehr zu kämpfen hat, obwohl der große V8 auch noch vor dem Fahrer sitzt und auf die 245er-Pneus drückt. Etwas verteilen lässt sich das Ungleichgewicht mit aktiviertem DTC-Modus der Traktionskontrolle, der leichte Allraddrifts zulässt und so ein wenig Belastung von der Vorderachse nimmt. Im Standardmodus ist das ESP besonders auf der feuchten Fahrbahn viel zu restriktiv, was wohl dem Sicherheitsgedanken geschuldet ist.
Zurück von der Hotlap kann man dem M850i seinen propagierten Status als „Gentlemans Racer“ definitiv zugestehen. Ernsthaft auf die Rennstrecke wird ohnehin kein Kunde mit dem Coupé gehen, das hat der 8er mit Continental GT und DB11 gemeinsam. Außerdem schiebt BMW ja 2019 auch noch den M8 nach, der auf dem Rundkurs eine bessere Figur machen dürfte, dient er doch sogar als Basis für den aktuellen Le-Mans-Renner aus München. Die absolute Stärke des M850i liegt in seiner GT-Haftigkeit und dem tollen Klang, in Kombination zwei hervorragende Zutaten für einen schönen Roadtrip durch Europa. Vielleicht von München an die Atlantikküste? (sp-x/mf/jmg)
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