Porsche 911 Turbo S T-Hybrid im Test: Perfektion ohne Nervenkitzel

Der neue Porsche 911 Turbo S T-Hybrid (992.2) kombiniert einen 3,6-Liter-Biturbo mit einem Elektromotor und liefert heftige 711 PS sowie 0-100 km/h in 2,5 Sekunden. Auf der Autobahn katapultiert dich der Elfer mühelos Richtung 322 km/h. Dennoch: Ist der neue Turbo S vielleicht zu perfekt geworden?

Der Porsche 911 Turbo S T-Hybrid auf einen Blick


Was wir mögen

Kann morgens Kinder zur Schule bringen und abends einen Lamborghini demütigen.

Was wir vermissen

Ein bisschen mehr Drama, ein bisschen mehr Lebensgefahr.

Perfekt wenn...

... man die Fahrleistungen eines Supersportwagens schätzt, im Alltag aber die Sorgenfreiheit eines Golf bevorzugt.

Alternativen

Ferrari 296 Speciale, Lamborghini Temerario, McLaren 750S

Stärken

  • Grandiose Beschleunigung
  • Sehr gutes Handling
  • Gute Verarbeitung

Schwächen

  • Sehr teuer in der Anschaffung
  • Hoher Verbrauch
  • Kaum emotionaler Fahrspaß

326387 1920x1281

Ein Autobahnvollstrecker mit 711 System-PS

Porsche hat den 911 elektrifiziert. Soweit nichts Neues - das kennen wir bereits vom GTS T-Hybrid. Und wir wissen seitdem auch: Diese Elektrifizierung geschieht nicht halbherzig. Es geht hier nicht vordergründig darum, den letzten Deziliter Kraftstoff zu sparen. Es geht um Leistung. Viel Leistung.

Im neuen 911 Turbo S T-Hybrid mündet das Ganze in wahnwitzigen 711 System-PS und bis zu 800 Nm Drehmoment. Herzstück ist ein neu entwickelter 3,6-Liter-Sechszylinder-Boxer, der dank eines - im Vergleich zum GTS - zusätzlichen e-Turboladers bereits selbstbewusste 640 PS beisteuert. Weitere 52 kW / 71 PS liefert ein Elektromotor, der am Eingang des Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe untergebracht ist.

Das Resultat ist eine Leistungsentfaltung, die in ihrer Brutalität bereits an hochgezüchtete Elektrosportwagen wie den Taycan Turbo GT erinnert. Selten wurden wir von 200 auf 270 km/h derart hemmungslos beschleunigt, dass man kurz daran zweifelt, ob die bekannten Gesetze der Mechanik hier überhaupt noch gelten. Gleichzeitig fällt nicht auf, dass wir es hier mit einem elektrisch unterstützten Antriebsstrang zutun haben - so perfekt ist die Integration der E-Komponenten gelungen.

Wenn der 911 GT3 RS das rasiermesserscharfe Kurvenskalpell ist, dann ist der Turbo S T-Hybrid der Autobahnvollstrecker unserer Tage. Auf der linken Spur macht dieses Auto jedenfalls keine Gefangenen.

Trotz Mehrgewicht weiterhin leichtfüßig

Selbstredend kann der Turbo S mehr als nur auf der Geraden brillieren - er ist schließlich ein Porsche. Lenkung, Allradantrieb, das serienmäßig verbaute elektrohydraulisch gesteuerten Porsche Dynamic Chassis Control (ehPDCC) und eine Armada elektronischer Helfer arbeiten stets präzise zusammen, damit der rund 1,8 Tonnen schwere T-Hybrid das tut, was sein Fahrer von ihm verlangt.

Sauber ums Eck fahren? Kein Problem. Stabilität im Grenzbereich? Dafür wurde dieses Auto schließlich gebaut. Und so erledigt der Porsche fahrdynamische Herausforderungen mit einer Selbstverständlichkeit, die beinahe schon unheimlich wirkt. Es schleicht sich an dieser Stelle zudem der mittlerweile inflationär genutzte Begriff der Leichtfüßigkeit ein. Weil das hybride Mehrgewicht, genauso wie die Arbeitsweise des Systems, halt wirklich nicht zu spüren ist.

Denken wir an dieser Stelle doch ein paar Monate in die Zukunft: Wenn die Stuttgarter diese T-Hybrid-Power mit der Aerodynamik des GT3 RS kombinieren, dürfte der kommende GT2 RS das Thema Sportwagenfahren definitiv noch einmal auf ein nächstes Level heben.

326383 1920x1281

Kontrollierte Gewalt

Doch bis dahin bleibt der Turbo S T-Hybrid das technologische Aushängeschild der Baureihe - und gleichzeitig ein erstaunlich nüchternes Erlebnis. Denn so brachial seine Fahrleistungen auch sind, emotional bleibt der Über-Elfer überraschend blass.

Wie oft nutzt man wirklich die Sprintgewalt von null auf 100 km/h in 2,5 Sekunden? Wie oft erreicht man die Höchstgeschwindigkeit von 322 km/h. Zwischen diesen Extremwerten fährt sich auch dieser mindestens 271.000 Euro Supersportwagen eher wie ein braver Carrera.

Der legendäre Turbokick früherer Generationen ist längst geglättet worden. Die Leistungsentfaltung kommt heute nicht mehr überfallartig, sondern durch die beiden elektrifizierten Turbolader fein dosier- und jederzeit kontrollierbar. Vorbei sind die Zeiten als es als Adelung galt, einen 911 Turbo im Grenzbereich zu bewegen, ohne dabei ein Nahtoterlebnis zu erfahren. Heute regelt die Elektronik das, was früher der Fahrer können musste.

Freilich: Wir schreiben nicht mehr das Jahr 1980 und leider auch nicht mehr 2006. Allerhand Regularien schieben dem Wahnsinn früherer Zeiten einen Riegel vor. Aber etwas mehr Abenteuer, ein wenig mehr Nervenkitzel dürfte es für das aufgerufene Kleinegeld schon sein.

326399 1920x1281

Ist der Turbo S zu teuer?

Bleiben wir noch kurz beim Spaziergeld, das beim 911 Turbo schon immer reichlich vorhanden sein musste. Wer sich die Gesichtsstraffung im Alter sparen möchte, kann die sauer verdiente Kohle auch direkt in das Turbo S T-Hybrid Cabriolet investieren. Kostenpunkt in Deutschland: mindestens 285.200 Euro. Also vielleicht doch lieber beim Chirurgen vorsprechen?

Ist es dagegen eher so, dass man es auf dem Bankkonto nicht ganz so dicke hat, kann man auch zum rund 100.000 Euro günstigeren 911 Carrera GTS T-Hybrid greifen. Klar, der leistet „nur“ 541 PS, aber der Sprint von null auf 100 km/h dauert gerade einmal unerhebliche 0,5 Sekunden länger. Der Sparfuchs lacht sich ohnehin nur ins Fäustchen und greift zum 154.800 Euro teuren Carrera S, der mittlerweile 480 PS leistet. Also genauso viel wie ein 911 Turbo der Baureihe 997 vor gut 20 Jahren.

Natürlich wissen auch wir, dass sich diese Fragen in dieser Form kaum jemand stellt, der ernsthaft einen Turbo S kaufen will. Trotzdem macht der interne Vergleich die heftige Aufpreispolitik bei Porsche zumindest erklärungsbedürftig.

326401 1920x1281

Der Innenraum: Funktional, aber nicht faszinierend

Von den Preisen kommen wir zum Innenraum. Eine gute Verarbeitung setzen wir bei einem 911 voraus. Dennoch gelingt es dem 992.2-Facelift weiterhin nicht, das hohe Niveau der Generation 991.2 zu erreichen.

Zwar bringt das nunmehr durchgehende Fahrerdisplay im Cockpit objektiv Vorteile bei der Übersicht, nachdem der prägende Drehzahlmesser weggefallen ist. Doch je länger man sich damit beschäftigt, desto stärker wächst die Sehnsucht nach etwas Analogem. Es ist ein bisschen so, als würde man einen mechanischen Chronographen gegen eine goldene Casio tauschen. Funktional mag das alles sein, aber es berührt dich halt nicht.

Über den billigen Startknopf sprechen wir an dieser Stelle lieber gar nicht erst.

Gerade im 911 Turbo S T-Hybrid wirkt der Innenraum daher etwas nüchtern. Ein wenig „Turbonit“ hier, ein bisschen Leder dort - das ist alles definitiv nicht schlecht. Gemessen am stolzen Basispreis wirkt das Gesamtbild jedoch erstaunlich einfallslos. Auch diese Tatsache trägt dazu bei, dass der emotionale Funke nicht wirklich überspringen will.

326402 1920x1281

Fazit 8.4/10

Der Porsche 911 Turbo S T-Hybrid ist zweifellos ein beeindruckendes Stück Ingenieurskunst. Beschleunigung und Handling bewegen sich auf absolutem Topniveau, selbst der Testverbrauch von 11,5 Litern auf 100 Kilometern wirkt angesichts der Leistung fast schon moderat. Doch genau diese Perfektion ist auch sein größtes Problem: Emotional gepackt hat uns der Turbo S nicht. Wer mehr Drama sucht, sollte vielleicht einen Blick auf den McLaren 750S werfen. (Text: Thomas Vogelhuber | Bilder: Hersteller)

AutoScout24 Scores

Diese Bewertung wird von unserem Expertenteam nach umfangreichen Tests des Fahrzeugs vergeben.

Score
8.4
Design
8.5
Bedienbarkeit
8.0
Komfort
8.0
Alltagstauglichkeit
7.5
Fahreigenschaften
9.5
Antrieb
9.5
Effizienz
7.5
Preis-Leistungs-Verhältnis
7.5
Ausstattung
9.0
Sicherheit
9.0

Artikel teilen

vogelhuber.avif

Thomas Vogelhuber

Thomas Vogelhuber ist seit März 2019 leitender Redakteur des AutoScout24 Magazins. Der gebürtige Oberbayer verbindet seine Leidenschaft für klassische Youngtimer mit einem feinen Gespür für aktuelle Automobiltrends. Am liebsten unterwegs auf kurvigen Alpenstraßen, testet er heute ebenso souverän moderne Elektromodelle. Der Traum vom Audi RS 6 Avant C5 in Goodwoodgrün lebt weiter!

Alle Artikel

Alle ansehen
porsche-911-t-cabrio-2025-titelbild

Test Porsche 911 Carrera T Cabriolet: Gegensätze ziehen sich an

Ein Cabrio mit Touring-Genen? Das Porsche 911 Carrera T Cabriolet (2025) zeigt, dass Offenfahren und Purismus im Elfer kein Widerspruch sein müssen. Handschaltung, PASM-Fahrwerk und Sportauspuff sind serienmäßig – dafür gibt’s Feinkritik im Innenraum. Lohnt sich der Carrera T?

Mehr lesen
Test Porsche 911 Carrera T Cabriolet: Gegensätze ziehen sich an
porsche-911-992-2-carrera-2025-titelbild

Test Porsche 911 Carrera (992.2): Genug Sportwagen für 2025?

Im Test: das kleine, aber feine Facelift des Porsche 911 Carrera (992.2). Mit 394 PS, subtil überarbeiteter Optik und durchdachten Updates im Innenraum möchte er seine Rolle als Sportwagen-Benchmark behaupten. Ob das gelingt?

Mehr lesen
Test Porsche 911 Carrera (992.2): Genug Sportwagen für 2025?
1-IMG 4211

Test Porsche Macan Turbo Elektro (2024): Top oder Flop?

Porsche legt den Macan neu auf. Tschüss, Verbrenner, hallo Elektro! Wie gelingt die Umstellung des bisherigen Bestsellers auf die andere Antriebstechnik, und was kann der neue Macan in der Topversion Turbo auf der Straße? Wir haben es herausgefunden.

Mehr lesen
Test Porsche Macan Turbo Elektro (2024): Top oder Flop?