Überschall: McLaren 720S Spider

Der McLaren 720S Spider ist verdammt schnell, ziemlich teuer und endlich oben offen. Was der Super-Sportwagen leistet, wo er patzt und für wen er sich lohnt? Wir hatten ihn für eine ausgedehnte Testfahrt.

Wer es auf der Weltbühne zu etwas gebracht hat und bereits die Villa, eine Yacht und eine Anzahl von Vollbluthengsten vom eigenen Personal unterhalten lässt, für den ist die Zeit womöglich reif für einen waschechten Super-Sportwagen. Einen Dynamiker, den man höchst selbst lenken muss und will. Einen Wagen, der einen spürbaren Unterschied zur restlichen heimischen Garage macht, in der bereits schnöde von A nach B Bringer aus dem Hause Bentley, Land Rover oder Mercedes-Maybach stehen. Doch was ist, wenn man aus der Masse herausstechen will und der Nachbar bereits einen Ferrari 488 Spider fährt? Ein Lamborghini brennt bekanntermaßen zu häufig und bei Porsche wollte man auch gegen Extra-Bakschisch keinen 911 Speedster mehr herausrücken.

McLaren-720S-Spider-Back-Sun

Zu schnell für die Autobahn

Dann lohnt womöglich der Blick zu McLaren. Die Engländer haben jüngst die offene Spider-Variante des 720S vorgestellt und erstmals durften wir den Wagen nun in heimischen Gefilden ausgiebig testen. Wobei ausgiebig das falsche Wort ist, denn bereits mit Auffahrt auf die Bundesautobahn ist man mit den anliegenden 720 PS und 770 Nm Drehmoment hoffnungslos übermotorisiert. Der digitale Tacho kann schon auf dem Beschleunigungsstreifen 200 km/h anzeigen und überhaupt überfordert man mit dem beginnenden Überschallflug so ziemlich jeden anderen Verkehrsteilnehmer. Ist das gefährlich? Womöglich. Macht das Spaß? Aber sowas von! Denn gerade wenn die immer nervigen Kollegen der Geradeaus-Schnell-Fraktion mit ihren überzüchteten Familienautos meinen, sie wären stürmisch unterwegs, werden sie durch den McLaren 720S Spider eines Besseren belehrt.

McLaren-720S-Spider-Front

720S: Ein Abfangjäger für die Straße

Wenn wir von Überschall schreiben, dann denken wir auch an einen Kampfjet. Und in der Tat erinnert so manches Detail am und im McLaren an einen Abfangjäger. So zum Beispiel das einklappbare Kombiinstrument. Das so genannte Active Dynamic Panel kündigt an, dass man irgendwas am Fahrzeug mächtig scharf gestellt haben muss. Es verschwinden so nichtige Dinge wie eine Tankanzeige oder welchen Radiosender man gerade eingestellt hat. Dafür bleiben im Sichtschlitz erhalten: Drehzahl, Ganganzeige und Geschwindigkeit. Um den Führerschein nicht übermäßig in Gefahr zu bringen sind dies auch die einzigen Parameter, die man stets im Auge behalten sollte. Der Rest ist Nebensache und wenn der 720S Spider vollgetankt ist, dann kommt man damit sicherlich auch ein paar Kilometer weit. 300, vielleicht auch nur 200 oder gar weniger als 150 – je nach Gasfuß.

McLaren-720S-Spider-Interior

Umständliche Bedienung

Ein weiteres Teil, inspiriert durch die Luftfahrt: die Air-Brake. Sie unterstützt bei harschen Bremsmanövern, stellt sich gewaltig in den Wind und wirkt auf andere Verkehrsteilnehmer äußerst faszinierend. Wie oft sieht man im fließenden Verkehr sonst derlei Schauspiel? Und auch die umständliche Handhabung mag an etwas Militärisches erinnern. So muss der 720S Fahrer maßgeblich zwei Bedienelemente kennen und ihre Auswirkungen verstehen. Mit dem oberen der beiden Rädchen in der Mittelkonsole lässt sich das Handling beeinflussen, mit dem unteren der Antriebsstrang. Beides mindestens auf Sport gestellt und der McLaren gibt eine weitere Funktion frei, welche sich anschließend durch einen kurzen Druck auf den ESC-Knopf öffnen lässt. Die magischen Worte: Variable Drift Control erscheinen im Info-Display und fordern abermals zur Bestätigung auf.

McLaren-720S-Spider-Tacho

Mit der Lizenz zum Quertreiben

Nun fühlt sich jeder zu Hause der zu oft Need for Speed gespielt, oder The Fast and the Furious geschaut hat. Mittels Fingerzeig lässt sich ein digitales Abbild des eigenen Wagens in eine Querposition schieben, die zugleich jenem Winkel entspricht, den die Elektronik maximal als Drift zulassen wird. Was von vielen als Lizenz zum Quertreiben verstanden wird ist für McLaren mehr eine Art Zugeständnis an jene, die ein solches Fahrzeug gerne ein Stück weit über dem persönlichen Limit bewegen wollen. Man könnte auch sagen: Durch die variable Driftkontrolle bringt man etwas mehr Unvollkommenheit in ein sonst ziemlich perfektes Sportgerät. Im Normalfall unterstützten, aber bevormunden die Fahrhilfen den Fahrer nämlich nicht und versuchen, die 720 PS stets adäquat auf die Straße zu bekommen und ein Höchstmaß an Performance zu garantieren.

McLaren-720S-Spider-Night2

Heftig auf der Geraden, surreal in der Kurve

Und wahrhaftig: Was dieser Wagen aus der McLaren Super Series an Dynamik bereitstellt ist herausragend. Beinahe surreal verhält sich der Spider in Biegungen, lenkt ein wie ein Go-Kart und erlaubt Kurventempi wie sie kaum mit einem anderen Auto für den Normalfahrer zu erreichen sind. Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe hämmert die Gänge nur so herein und wer an anderer Stelle kräftig in die Bremse tritt muss aufpassen, durch die Verzögerungsleistung keinen bleibenden Gurtabdruck zu kassieren. Erst spät und mit allem Übermut lässt sich der knapp um die 1,4 Tonnen schwere Wagen zum dezenten Untersteuern drängen, was aber zugleich bedeutet, dass man nahe am drohenden Kontrollverlust fährt. Schließlich bewegt man diesen Wagen, schnell gefahren, ständig auf sehr hohem Niveau. Im Zweifel weiß man besser, was man hinter dem Lenkrad so anstellt – denn die Luft für Fehler, sie ist äußerst dünn bemessen.

McLaren-720S-Spider-Seats

Quell der Freude: Der V8-Biturbo

Dass sich die Leistungsexplosion des 4,0 Liter V8-Biturbo stets anfühlt, als durchbreche man mit ihm die Schallmauer - darüber brauchen wir uns wohl nicht auszulassen. 2,9 Sekunden vergehen aus dem Stand auf Tempo 100 und die Launch-Control ist ein Ding, gemacht für jene die es gerne auf die Spitze treiben. Trotz, dass der 720S nur über Hinterradantrieb verfügt kennt er beim Beschleunigen mit sich und seinem Piloten kein Erbarmen. Durchdrehende Räder? Nicht mit der Elektronik des McLaren. Und wer nun das Hardtop im Tonneau verstaut hat, der genießt eine Frischluftvorstellung der ganz besonderen Art. Wie der Achtzylinder schreit, brabbelt und hin und wieder auch nachschießt ist gewaltig. Offen erreicht der Spider übrigens eine Höchstgeschwindigkeit von satten 325 km/h, wohingegen er geschlossen gar Tempo 341 ins Visier nimmt. Vorausgesetzt natürlich, Straße und Verkehr geben solche Exzesse her.

McLaren-720S-Spider-End

Fazit

Der McLaren 720S Spider ist hierzulande mindestens 285.500 Euro teuer und besticht vor allem durch seine vehemente Beschleunigung und sein abnorm hohes Kurventempo. Fahrwerk, Lenkung, Motor und Getriebe: sie gehören mit zum Besten, was man in dieser Fahrzeugklasse und für das Geld kaufen kann. Mit dem 720S Spider den vollendeten Geschwindigkeitsrausch auch endlich offen erleben zu können ist ein weiteres Highlight. Es ist einzig die ganzheitlich unmögliche Bedienung, die einen faden Beigeschmack hinterlässt. (Text und Bild: Thomas Vogelhuber)

Technische Daten*

  • Modell: McLaren 720S Spider
  • Motor: Achtzylinder-Biturbo, 3.994 ccm
  • Leistung: 720 PS (527 kW) bei 7.250 U/min
  • Drehmoment: 770 Nm bei 5.500 U/min
  • Antrieb: Hinterradantrieb, 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
  • Verbrauch (ECE): 10,7 l SP /100 km
  • Beschleunigung (0 – 100 km/h): 2,9 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 341 km/h
  • Abmessungen (L/B/H): 4,54 m/2,16 m/1,20 m
  • Gewicht DIN: 1.332 Kg
  • Grundpreis: 285.500,00 Euro

*Herstellerangaben

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