Ferrari Purosangue im Test: 725 PS für die ganze Familie (1)

Das Wichtigste zuerst
AutoScout24-Bewertung: 8,1 von 10 Punkten.
Der Ferrari Purosangue ist kein SUV im herkömmlichen Sinn, sondern ein viertüriger V12-Gran-Turismo, der sich mit echten Sportwagen anlegen kann. 725 PS, Allradantrieb, vier Sitzplätze und ein 473 Liter großer Kofferraum machen ihn zum vielseitigsten Ferrari der Gegenwart. Die Bedienung und das Raumgefühl passen allerdings nicht ganz zum hohen Preis von mindestens 380.000 Euro.
Stärken, Schwächen, Alternativen
Was uns gefällt
Selbstverständlich das Aggregat unter der Motorhaube.
Was wir vermissen
Eine Verbrauchsanzeige. Denn auch wohlhabende Purosangue-Fahrer dürfen wissen, was der V12 gerade durchzieht.
Ideal, wenn …
… die Familie mit muss, der Zwölfzylinder aber nicht verhandelbar ist
Die Alternativen
Lamborghini Urus SE, Porsche Panamera Turbo S E-Hybrid, Bentley Flying Spur Speed, Mercedes-AMG GT 63 S E Performance 4-Türer und als gebrauch: Ferrari GTC4Lusso und FF.
Stärken
- Fantastischer V12 mit 725 PS
- Sportwagenähnliches Handling
- Vier Sitze und 473 Liter Kofferraum
Schwächen
- Bedienung über Touch-Flächen
- Sehr hoher Verbrauch
- Hoher Grundpreis
Ein Ferrari mit vier Türen - das hätte Enzo nicht gefallen
Es ist schon ein wenig die Abkehr vom klassischen, vom „normalen“ Ferrari. Von jenem Sportwagenideal mit zwei Türen, den Enzo Ferrari selbst immer verteidigt hatte. Nun denn, Zeiten ändern sich. Und somit stehen wir hier vor ihm, dem Ferrari Purosangue.
Der Name klingt zunächst nach einem hochbeinigen Dinosaurier - und dürfte bei ökologisch korrekten Weltverstehern angesichts dessen, was unter der Haube steckt, sogar passend wirken: zwölf Zylinder, 6,5 Liter Hubraum, 725 PS und 716 Newtonmeter Drehmoment. Elektrifizierung? 0,0 Prozent.
Ja, so will das der zahlungskräftige Petrolhead. Oder vielleicht doch nicht? Nach knapp drei Jahren Bauzeit stehen erstaunlich viele Purosangue bei AutoScout24 bereits wieder zum Verkauf. Bisher allerdings keiner unter dem deutschen Basispreis von 380.000 Euro - selbstveständlich inklusive Mehrwertsteuer.
Man ist schließlich nicht Rolls-Royce, die mit dem Cullinan ein „richtiges“ SUV im Programm haben und die ihre Preise sehr gerne ohne länderspezifische Steuern kommunizieren. Über die Modelleinordnung des Purosangue lässt sich sodenn vortrefflich streiten. Aber auch nach mehreren Tagen mit diesem Wagen mag die Bezeichnung „Sport Utility Vehicle“ tatsächlich nicht so recht an ihm haften bleiben.
| Abmessungen | Ferrari Purosangue (2026) |
|---|---|
| Länge | 4.973 mm |
| Breite | 2.028 mm |
| Höhe | 1.589 mm |
| Leergewicht | ca. 2.033 kg |
Bildergalerie: Ferrari Purosangue (2026)

Kein SUV, aber trotzdem formatfüllend
Der Purosangue ist eher der so nicht kommunizierte Nachfolger von GTC4Lusso und FF: ein sportlicher Gran Turismo oder Touring mit vier Sitzplätzen. Besonders im Vergleich zu ganz ordinären Softroadern wie dem Touareg oder X5 fällt auf, wie zierlich, beinahe schüchtern der Ferrari Purosangue wirkt. Und das, obwohl auch dieser mit 4,97 Metern jede Discounter-Parklücke ernsthaft herausfordert.
Die Kernmärkte liegen ohnehin nicht primär bei uns in Good Old Europe, sondern in den USA, China und freilich im Mittleren Osten. Trotzdem bleibt die Frage, ob das vielleicht zu wenig Ferrari für die ganze Familie ist. Besonders dann, wenn sich Hauptmitbewerber Lamborghini seit Jahren erfolgreich anschickt, mit einem Urus auf Q7-Basis eine platztechnisch deutlich opulentere Alternative zu bieten.
Aber wir erinnern uns: Der Purosangue ist halt auch offziell kein SUV.
Zwei Tonnen, 725 PS und erstaunlich viel Ferrari-Feeling
Trotz 18,5 Zentimetern Bodenfreiheit, des technisch anspruchsvollen Allradantriebs aus FF und GTC4Lusso, einer Hinterachslenkung und des sprichwörtlichen Elefanten im Raum, den gut zwei Tonnen Leergewicht, bleibt der Purosangue primär ein Fahrerauto. Dafür sorgt besonders der sehr direkt ansprechende Zwölfzylinder unter der Haube. In 10,6 Sekunden geht es aus dem Stand auf 200 km/h, Schluss im asphaltierten Gelände ist bei Tempo 312.
Damit der Sportwagen-Connaisseur noch mehr zu feiern hat, gibt es ein achtstufiges Doppelkupplungsgetriebe in Transaxle-Anordnung für einen ordentlichen Gewichtsausgleich. Ein Active Torque System sorgt überdies dafür, dass die Fuhre sauber ums Eck geht. Das macht alles in allem sehr viel Laune und vermittelt bei leerer Straße und standhaftem Gasfuß vor allem eines: sehr viel Ferrari-Feeling.
Vier Sitze, gegenläufige Türen und ein großer Kofferraum
In die zweite Reihe gelangt man durch die gegenläufig öffnenden Türen. An wen erinnert uns das? Nun, da ist er wieder: der Rolls-Royce Cullinan. Anders als bei ihm gelingt der Einstieg nach hinten aber eher hereinschälend. Das ist wohl nichts für die monarchische Prachtfahrt - sind ja in der Regel doch schon alle etwas älter.
Und weil er wir es bei einem Ferrari mit Kofferraumklappe erwähnen müssen: In das Gepäckabteil passen offiziell bis zu 473 Liter. Das wäre dann, je nach zählweise, mehr als in einen neuen Audi A6 Avant passt. Erstaunlich.
Weniger ist nicht automatisch mehr
Das Cockpit ist dann vielleicht nicht ganz so, wie wir es erwartet haben. Viel Leder wechselt sich mit gewebten Stoffen und Carbon ab. Aber vielleicht fehlt dem Ganzen für eine halbe Million Euro, die der Testwagen gekostet haben dürfte, dann doch etwas Grazie.
Auch und besonders der Bedienkomfort leidet darunter, dass es kein Mittendisplay gibt. Mit der herausfahrbaren Rundanzeige in der Mitte und dem Beifahrerdisplay lassen sich vor allem Sitz- und Klimakomfort verbessern. Navigation und Co. bekommt der Fahrer nur hinter dem Lenkrad angezeigt - und auch nur dann, wenn er sein Telefon koppelt. Auf ein werkseitig verbautes Navigationssystem verzichtet Ferrari.
Das Volant als solches ist gleichermaßen ein Thema für sich. Einen physischen Startknopf gibt es nicht, das Durchfingern durch die Menüs gelingt über teils unwillige Touch-Tasten. Da ist es dann vielleicht doch ganz gut, dass der Elektro-Ferrari Luce ein Interieur von Sir Jony Ive und Marc Newson erhalten wird.
V12-Meisterwerk mit intelligentem Fahrwerk
Nun dürfen wir natürlich nicht vergessen, dass wir hier in einem Ferrari sitzen. Gewisse Eigenheiten zählen da bekanntlich zu den Ecken und Kanten, die man schätzen lernen muss. Besonders wenn im Gegenzug vorne ein V12 aus 6,5 Litern Hubraum satte 725 PS mobilisiert und 716 Newtonmeter Drehmoment an alle vier Räder leitet.
Das Aggregat ist zugleich ein technisches Meisterwerk: 6-in-1-Krümmer für die perfekte Feinabstimmung, 350 bar Einspritzdruck, viel Durchfluss, wenig, was dagegen arbeitet und ein herzhafter Klang. Der Manettino am Volant hat ebenfalls Einfluss auf die Tonlage. Anders als bei den reinrassigen Racern im Ferrari-Programm ist bei der Fahreinstellung „Sport“ allerdings Schluss.
| Technische Daten | Ferrari Purosangue (2026) |
|---|---|
| Motor | Zwölfzylinder-Sauger in V-Form, 6.496 ccm |
| Leistung | 533 kW (725 PS) bei 8.250 U/min |
| Max. Drehmoment | 716 Nm bei 6.250 U/min |
| Getriebeart | 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe |
| Antrieb | Allradantrieb |
| Beschleunigung 0–100 km/h | 3,3 Sek. |
| Beschleunigung 0–200 km/h | 10,6 Sek. |
| Höchstgeschwindigkeit | 312 km/h |
Verschliffen arbeitet derweil das Getriebe. Es kann von hart bis zart bedient werden und erfüllt in dieser Hinsicht alles, was sich ein Purosangue-, aber auch Ferrari-Fahrer wünschen kann. Beim Thema Fahrwerk folgt dann ein weiteres Highlight: aktive Fahrwerksaktuatoren an jedem Rad, die innerhalb von Sekundenbruchteilen angesteuert werden.
Das 6D-Dynamics-Fahrwerk überwacht in Echtzeit Beschleunigungen sowie Wank-, Nick- und Gierraten des Fahrzeugs. Zusammen mit der Side Slip Control (SSC) berechnet das System den Grip an den Rädern angeblich präziser als je zuvor. Es greift tatsächlich weitestgehend unmerklich ein, damit der Purosangue sicher und extrem schnell am Limit bewegt werden kann. In der Sport-Stellung lässt das System auch den ein oder anderen gemütserhellenden Heckschwenk zu.
Fazit
Am Ende ist der Purosangue vor allem eines: ein viertüriger Reise-Ferrari, der längs- wie querdynamisch nicht nur zahlreiche SUVs, sondern auch ausgewiesene Sportwagen fordert - trotz seiner Bauform und seines Gewichts. Sein V12-Saugmotor ist ein technisches Meisterwerk, ein ganz starker Antrieb, der für sich genommen als Kaufgrund ausreicht. Das Fahrwerk zeigt sich im Comfort-Setting zudem sehr nachgiebig. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass weder das Platzangebot für vier Erwachsene üppig ist noch die Bedienung dem gehobenen Preis gerecht wird. Aber wie es Enzo Ferrari zugeschrieben wird: „Wenn Sie einen Ferrari kaufen, bezahlen Sie für den Motor. Den Rest gebe ich Ihnen gratis dazu.“ (Text und Bild: Thomas Vogelhuber)
AutoScout24 Scores
Diese Bewertung wird von unserem Expertenteam nach umfangreichen Tests des Fahrzeugs vergeben.
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