Avantissimo: Fahrbericht Audi A6 Avant 45 TFSI quattro

Mitunter verfügt die aktuellste Generation des Audi A6, hier gefahren als 45 TFSI quattro, über eine recht gespaltene Persönlichkeit. Er startet in der oberen Mittelklasse mit einem noch vermittelbaren Grundpreis von 56.650 Euro, provoziert als vollgestopfter Luxuslaster aber zugleich eine Familienfehde mit dem gleichermaßen frischen A8. Doch wird aus dem provinziellen Alleskönner allein dadurch ein Aristokrat, nur weil auf seinem Preisschild, wie im Falle unseres Testwagens, mehr als 89.000 Euro prangen?
Stimmiges Außendesign
Das gilt es wohl herauszufinden und gleich zu Beginn wollen wir festhalten: Mehr Kombichic gibt es derzeit weder bei Mercedes noch bei BMW zu bestaunen. Freilich ist das Ansichtssache. Doch die Nummer mit dem Avant können sie in Ingolstadt; zeigten sie bereits zu Zeiten von Audi 100/200 großes Feingefühl bei Formen und wurden über die Jahre immer besser. Obschon des Autors persönlicher Liebling der A6 Avant C5 bleibt, der neuen Designsprache von Audis Kreativchef Marc Lichte kann man einiges abgewinnen. Außen hui und innen? Zweifach hui! Lassen wir die gesalzene Aufpreispolitik der Bayern noch kurz außen vor, so fehlt qualitativ definitiv nicht mehr viel zum erlauchten Trimm der Schwestermarke Bentley.
Qualität auf Bentley-Niveau
Doch die nackten Zahlen, sie holen einen unmittelbar wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Für die äußerst bequemen, in samtiges Valcona gehüllten Individualkontursitze und den auch sonst reichlich verzierten Innenraum möchte man in Ingolstadt rund 4.800 Euro haben. Hinzu kommt noch die unumstößliche Wahl eines der beiden Ausstattungspakete Sport oder Design für weitere 2.300 Euro. Ohne diese getroffene Auswahl erhält man erst gar nicht die Option auf ein besseres Gestühl. Bestenfalls sitzt man dann auf einem alternativen Sitzbezug aus einem Hauch von Echtleder, gemischt mit haufenweise mono.pur 550 Kunstleder. Übrigens: Wer noch mehr Kuhhaut wünscht, der kann sich seinen Innenraum beim Audi-Sattler auch für maximale 11.000 Euro ausstaffieren lassen.
Sündhaft teure Extras
Nein, ein günstiges Vergnügen ist der Audi A6 Avant definitiv keines, was auch die Infotainment-Extras unter Beweis stellen. Wenngleich das gut bedienbare MMI Navigationssystem mittlerweile immer mit von der Partie ist, die Plus-Variante des besagten Systems, mitsamt des großartigen Audi virtual cockpits, kostet im Paket weitere 2.200 Euro. Apropos: Die hochauflösende 12,3-Zoll-Instrumentenkombi gibt es leider nicht mehr als Einzeloption zu bestellen. Derlei folgt der rollende Konzertsaal in Form des Bang & Olufsen Premium Sound Systems mit 3D-Klang für ausstattungsabhängig mindestens 770 Euro. Dieses tönt zwar in der Tat schon ziemlich gut, aber wenn man bedenkt, dass es auch noch das B&O Advanced System gibt, fühlt man sich beinahe sozialhilfebedürftig. Es kostet schlappe 6.450 Euro und, je nach gewählter Basisausstattung, 320 Euro zusätzlich für das erzwungene Ambiente-Lichtpaket.
Fehlbesetzung: Der 45 TFSI
Über so viel kleinteiliges Preisgebaren seitens Audi kann man vortrefflich debattieren. Und auch darüber, ob zu diesem Auto nun ein Vierzylinder-Benziner passt, oder nicht. Wir für unseren Teil meinen, dass der zwei Liter 45 TFSI mit seinen 245 PS und 370 Newtonmetern eine Fehlbesetzung ist. Zwar verfügt auch er als Mild-Hybrid über ein 48-Volt-Bordnetz samt Riemen-Starter-Generator (RSG); die vermehrten spritfreien Segeleinlagen des Systems können den Gesamtverbrauch aber nicht im Wesentlichen reduzieren. So sind die von uns im Durchschnitt erfahrenen zehn Liter mit Sicherheit kein Vorsprung durch Technik mehr. Das Aggregat geht zudem weder als dynamisch, noch als emotional durch und kann nur im niederen Tourenbereich gehalten, durch seine recht zurückhaltende Geräuschkulisse punkten.
10 Liter im Durchschnitt
Hinzu kommt, dass das 7-Gang-DSG im Automatikmodus die Gänge beim Antritt eher behäbig serviert, was man durch den Schwenk in die manuelle Schaltgasse aber schnell in den Griff bekommt. Mittlerweile symptomatisch für den VW-Konzern: Am Ende der Drehzahlskala wird von allein in den nächsthöheren Gang gewechselt. Aus dem Stand und laut der beiliegenden Datenkarte des Testwagens, soll der Audi A6 Avant 45 TFSI quattro 100 km/h nach gut 6,8 Sekunden erreichen. Auf der Audi-Webseite werden mittlerweile 6,2 Sekunden angegeben.
Tolle Kurvendynamik
Etwas klarer als solche Werte ist hingegen die Tatsache, dass das Spitzentempo von 250 km/h nur mit sehr viel Anlauf zu erreichen ist. Viel Lob und Anerkennung gibt es von uns jedoch in Richtung des Fahrwerks. So offenbart der Audi A6 Avant, sofern mit der elektronischen Dämpferregelung ausgerüstet, durchaus seine dynamische Seite. Vor allem in engen Kurvenkombinationen hält der rund zwei Tonnen schwere Allradwagen ziemlich treu die Spur. Die Lenkung ist hingegen bei niedrigen Geschwindigkeiten und im Comfort-Modus gefahren, gerade aus der Nulllage heraus, etwas arg gewichtsbefreit abgestimmt. Unter Zug und etwas Vehemenz jedoch, macht sie sehr viel Laune und liefert ein ordentliches Straßenfeedback.
Reisen statt rasen
Wer sich solch einen Luxuslaster zulegt, der möchte aber meist nicht rasen, sondern reisen. Und das beherrscht der Audi A6 Avant wie kaum ein Zweiter in seiner Klasse. Wie der Wagen im Normalfall abrollt ist schon eine Schau und auch, wie die Doppelverglasung die Insassen von Außengeräuschen abschirmt. Selbst die Klimaanlage hält sich stets vornehm im Hintergrund und Platz, den gibt es zumindest in der ersten Reihe fürstlich. Hinten kann es dagegen, in Abhängigkeit von der Fahrerstatur, etwas enger zugehen. Aber auch das Kofferabteil mag nicht restlos überzeugen: So sind 565 bis maximal 1.680 Liter zwar üppig bemessen – die umgelegte Sitzbank bildet aber eine unpraktische Rampe.
Fazit
Assistenzsysteme hat der neue Audi A6 Avant natürlich ebenfalls in Hülle und Fülle zu bieten. Sie erledigen aber weiterhin nur eher rudimentäre Aufgaben und gerade das Spurführungssystem funktionierte nur bei perfekten Markierungen ausreichend gut. Ohnehin machen die zahlreichen Helferlein derzeit meist nur im zähen Stadtverkehr Sinn. Fernab des angepeilten automatisierten Fahrens ist der A6 allerdings ein ziemlich gutes Auto geworden, das, im Vergleich zu seinen Mitbewerbern, insbesondere durch seinen qualitativ hochwertigen Innenraum und den hohen Fahrkomfort auffällt. Den Vorsprung durch jegliche moderne Technik lässt sich Audi aber immer heftiger vergolden. So sind 100.000 Euro und mehr für einen eher mäßig motorisierten Audi A6 Avant 45 TFSI quattro mittlerweile ohne Verrenkungen möglich. In diesen Preissphären angelangt, bleibt allerdings der große Bruder A8 das Maß der Dinge. (Text und Bild: Thomas Vogelhuber)
Technische Daten*
- Modell: Audi A6 Avant 45 TFSI quattro
- Motor: Vierzylinder-Turbobenziner, 1.984 ccm
- Leistung: 245 PS (180 kW)
- Drehmoment: 370 Nm
- Antrieb: quattro ultra, 7-Gang S tronic
- Verbrauch: 6,8-6,5 l Super/100 Kilometer
- Beschleunigung (0 – 100 km/h): 6,2 s
- Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
- Abmessungen (L/B/H): 4,94 m/1,89 m/1,46 m
- Gewicht: ca. 1.850 Kg
- Grundpreis: 56.650 Euro (Deutschland)
*Herstellerangaben
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