Gran Finale: Der Porsche 911 Speedster im Fahrbericht

Der Porsche 911 Speedster ist der letzte Super-Elfer der Baureihe 991, den es so eigentlich gar nicht zu kaufen gibt. Denn alle 1.948 Stück waren bereits lange vor diesem Fahrbericht restlos vergriffen. Warum wir ihn dann auf Einladung des Herstellers überhaupt noch testen? Weil er Hoffnung macht…

…und zwar darauf, dass wir auch weiterhin sportliche Autos mit Saugmotor fahren dürfen. Aller europäischen Regularien zum Trotz haben es die Ingenieure bei Porsche geschafft, den freiatmenden Boxermotor am Leben zu erhalten. Mittels zweier Ottopartikelfilter und sehr viel Motorenbaukunst gelang es, das 510 PS Triebwerk mit der Abgasnorm Euro 6d TEMP EVAP ISC in Einklang zu bringen. Blickt man unter das Heck des 911 Speedsters stellt man zudem fest, dass dies auch platzmäßig keine einfache Aufgabe gewesen sein dürfte. Doch der Aufwand hat sich gelohnt - nicht nur für den Speedster. So ist es mehr als nur ein Gerücht, dass der nächste 911 GT3 (992) ohne Turbolader auskommen wird. Das gilt im Übrigen auch für den zeitnah debütierenden 718 Cayman GT4.

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Boxer-Saugmotor mit Euro 6d TEMP EVAP

Interessant ist zudem, dass die neue Abgasanlage des 911 Speedster runde zehn Kilogramm leichter ist als jene im aktuellen GT3, der bekanntermaßen noch ohne Partikelfilter auskommen darf. Wer sich nun fragt, ob die künstliche Verkomplizierung des Abgastrakts zu Lasten der heiser klingenden Soundkulisse geht, den können wir beruhigen: Das Teil schreit sich, gen 9.000 U/min gedreht, weiterhin schier die Seele aus den sechs Zylindern mit ihren Einzeldrosselklappen! Es ist ein Fest für alle, die dem Porsche-Virus verfallen und in ihrer Garage bereits den ein oder anderen Sportwagen aus Zuffenhausen zu stehen wissen. Das sollte man darüber hinaus auch. Denn ohne eine gewisse Reputation beim lokalen Porsche-Händler sah es, trotz locker sitzender 270.000 Euro, eher mau aus, mit der Wahrscheinlichkeit einen der heiß begehrten Speedster auf 991 Basis zu erstehen.

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Spekulationsgut Sportwagen

Keinen 911 Speedster bekommen zu haben ist das eine. Zu wissen, dass viele der 1.948 Stück direkt in wohltemperierte Sammlergaragen wandern das andere. So ist es durchaus in Mode gekommen, einen Porsche als Spekulationsgut zu betrachten. Das ist beim 911 R der Fall, beim 918 Spyder sowieso und selbst der GT3 RS wäre fast in einer solchen Blase versunken. Dabei ist der Speedster, wie jeder andere Porsche auch, eine Fahrmaschine reinsten Wassers! Der vier Liter Sechszylinder-Boxer, das brillante Sechsgang-GT-Schaltgetriebe und die hervorragende Abstimmung von Lenkung und elektronisch geregeltem Fahrwerk (PASM) fordern es einfach, dass dieser Wagen bewegt wird.

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9.000 Umdrehungen für ein Halleluja!

Und zwar häufig, schnell und gnadenlos. Geht es saugeruntypisch von unten raus bereits ordentlich nach vorne, wird der Fahrer nach über 6.000 Touren nochmals tiefer in die Vollschale gedrückt. Turbinenartig marschiert der Flatsix fortan in Richtung der Maximaldrehzahl und schreit den Lenker förmlich an, stets alles aus ihm herauszuholen. Kurzum: Nach nur sehr wenigen Kilometern ist man diesem Motorenmeisterwerk restlos verfallen! Wer es nun wirklich drauf hat, der wechselt die Gänge gekonnt mit einem Zwischengasstoß. Beherrscht man dies nun eher weniger gut, so hilft beim 911 Speedster die neue „Auto-Blip“ Funktion. Ein Affront dem Purismus gegenüber aber zugegeben gut gelöst. Zur Not kann man diese Spielerei auch deaktivieren.

Porsche-Speedster-dynamic

Wohltuender Purismus

Beim Infotainmentsystem mussten wir hingegen nichts abschalten, verfügte unser Testwagen an stelle eines Displays über ein Ablagefach. Zurück zu den altehrwürdigen Wurzeln also und passend dazu auch der optionale Verzicht auf die Klimaanlage sowie die Einparkhilfe in Form einer Rückfahrkamera. Freilich: Wer derlei Unfug im leichtbauenden Speedster wünscht, dem wird sich Porsche nicht verwehren. Aber selten hat die Aussage, weniger ist mehr, besser gepasst, als bei diesem Elfer. Allein das kompakete 360-Millimeter-Lenkrad ohne störende Tasten, Drehrädchen und Wippen in Händen zu halten ist eine Wohltat. Die Instrumententafel ist weitestgehend analog und nur der Bordcomputer in Mäusekinomanier erinnert an die Jetztzeit. Er lässt sich allerdings stilecht mit einem eigenen Lenkstockhebel befehligen.

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Leichtbau par excellence

Der Speedster ist unterm Strich ein Elfer, der ohne störende Fettpölsterchen auskommt. Durch die gewichtsoptimierte Dachkonstruktion (das Tonneau-Cover des Konzeptfahrzeugs entfiel aus Gründen der Alltagstauglichkeit leider) wiegt der Speedster lediglich 1.465 Kilogramm und liegt damit auf dem Niveau eines 991 GT3 (1.413 Kilogramm). Zum noch deutlicheren Vergleich: Das neue Carrera S Cabriolet (992) bringt derlei mindestens 1.710 Kilo auf die Waage. Die fehlenden Pfunde werden sogleich in jeder engen Haarnadel spürbar und natürlich gilt das Sprichwort: „Wer später bremst ist länger schnell!" Das späte Anbremsen wird auch durch die serienmäßige Porsche Ceramic Composite Brake (PCCB) ermöglicht. Eine kleine Krittelei am Rande: Ihr fehlt, bedingt durch ihre sportliche Abstimmung samt dem späten ABS-Regelbereich, beim leichten Antritt ein wenig der Biss. Erst mit beherztem Druck versehen fasst sie in aller Vehemenz nach und bringt den Wagen stets sicher zum Stehen.

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Grip ohne Ende

Um dagegen sicher durch die nächste Kurve zu kommen spendiert Porsche seinem 911 Speedster selbstredend auch eine Hinterachs-Querrsperre mit asymmetrischer Sperrwirkung. Eine Hinterachslenkung ist ebenfalls immer mit an Bord, genauso wie die dynamischen Motorlager. Von ihnen wird man im Normallfall eher weniger mitbekommen, außer man drängt den Elfer in seinen ziemlich späten Grenzbereich. Dann spielen einem jene Lager bestens in die Karten, erhöhen die Antriebskraft an der Hinterachse und insgesamt die Fahrstabilität. In Sardinen bekommt man diese Ausgewogenheit beinahe in jeder Kehre zu spüren - auch und gerade wenn die elektronischen Fangleinen gelöst wurden. Grip steht auf jeden Fall und zu jeder Zeit im ausreichenden oder gar überflüssig hohen Maße verfügbar. Der Wagen saugt sich quasi in die Biegung, lässt nicht locker und vor allem: verliert nicht sein Heck!

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Fazit

Leichtbau durch kohlefaserverstärkten Kunststoff (CFK), ein wunderbares Schaltgetriebe und: dieser bis 9.000 U/min drehende und großartige 510 PS Sechszylinder-Boxer ohne Turboaufladung! Der neue Porsche 911 Speedster schöpft aus dem Vollen, profitiert maßgeblich von der hauseigenen Motorsporterfahrung und kann von sich selbst mit Fug und Recht behaupten, der beste Porsche 911 991 zu sein. Ansichtssache, natürlich! Doch ist es das Zusammenspiel aus allen, sehr fein komponierten Einzelteilen, die solch ein herausragendes und einmaliges Fahrgefühl ermöglichen. Die Kehrseite(n)? Mindestens 270.000 Euro und die Erkenntnis, dass alle Autos bereits verkauft sind. Einen 911 991 Speedster in freier Wildbahn zu erleben dürfte daher ein äußerst seltenes Erlebnis werden. (Text und Bild: Thomas Vogelhuber)

Technische Daten*

  • Modell: Porsche 911 Speedster (991.2)
  • Motor: Sechszylinder-Boxer-Sauger, 3.996 ccm
  • Leistung: 510 PS (375 kW) bei 8.400 U/min
  • Drehmoment: 470 Nm zwischen bei 6.250 U/min
  • Antrieb: Hinterradantrieb, 6-Gang-Schaltgetriebe
  • Abgasnorm: Euro 6d TEMP EVAP ISC
  • Verbrauch: 13,8l SP/100 Km
  • Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 4,0 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 310 km/h
  • Abmessungen (L/B/H): 4,56 m/1,85 m/1,25 m
  • Gewicht DIN: 1.465 Kg
  • Grundpreis: 269.274,00 Euro

*Herstellerangaben

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