Lucid Gravity Grand Touring im Test: Raumschiff Surprise

Nach der Limousine nun das SUV. Mit dem Gravity bringt der kalifornische Autobauer sein zweites Elektromodell. Das Familien-SUV ist groß, geräumig und schwer, hat aber jede Menge Kraft. Mit 839 PS und 1232 Newtonmeter Drehmoment legt das Raumschiff einen Raketenstart hin.

Der Lucid Gravity Grand Touring auf einen Blick


Was uns gefällt

Die Sitz-Loge im Frunk fürs Picknick.

Was wir vermissen

Die Leichtigkeit des Lucid Air.

Ideal, wenn …

… man mit seiner Großfamilie in den Urlaub fahren will.

Die Alternativen

Kia EV9, Hyundai Ioniq 9, Mercedes EQS SUV, Cadillac Vistiq


Stärken

  • Enorme Antriebsleistung
  • Bis zu 3.398 Liter Kofferraum
  • Sehr hohe Alltagsreichweiten

Schwächen

  • Deutlich zu schwer
  • Umständliche Bedienung
  • Hoher Grundpreis

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Lucid Gravity schluckt fast so viel Gepäck wie ein VW-Bus

„Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff schwerelos!“ Warum uns gerade das Lied von Peter Schilling in den Sinn kommt, hat verschiedene Gründe. Denn erstens heißt dieser Lucid „Gravity“ und muss ähnlich wie ein Raumschiff die Schwerkraft bekämpfen. Kein leichtes Unterfangen bei einem Gewicht von knapp drei Tonnen. Zweitens sieht der Stromer aus wie ein Raumschiff, weil die Frontscheibe nicht wie üblich an der Dachkante endet, sondern lückenlos in das gläserne Panorama-Dach übergeht.

Dadurch wirkt das Cockpit wie eine Kuppel. Und drittens ist dieser Grand Touring im engsten Sinn des Wortes auch tatsächlich ein Raumschiff. Es ist 5,04 Meter lang und hat einen Radstand von 3,04 Metern. Bis zu sieben Passagiere finden hier Platz und wer alle Sitzreihen „plattmacht“, vor dem liegt ein maximales Ladevolumen von über 3000 Litern. Fast so viel wie in einen VW-Bus passt.

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Dieser Bus ist ein SUV, könnte aber auch ein Van sein

Und das ist der Gravity Grand Touring auch, den wir bei einem Test-Event der GCOTY-Jury (German Car Of The Year) fahren konnten: ein Bus, der eigentlich ein SUV ist, der aber aufgrund seines Aussehens auch ein Van sein könnte. Das zweite Modell der Amerikaner hat nur eine Höhe von 1,66 Metern und ist dadurch ziemlich flach. Wer sich dem Auto von vorne nähert, bemerkt die Handschrift der Lucid-Designer.

Direkt unter der Fronthaube breitet sich eine dünne Lichtleiste über die ganze Karosserie aus. Darunter, rechts und links, dann die eigentlichen Scheinwerfer, die ebenfalls fein gezeichnet sind. Das kennt man schon vom ersten Auto, das die Amerikaner auf den Markt geschickt haben. Dem Lucid Air, einer Luxuslimousine, die technologisch ein Ausrufezeichen gesetzt hat: Mit einer einzigen Akkuladung schaffte sie 1.205 Kilometer und stellte damit einen Langstreckenrekord auf.

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Cockpit und Interieur: Billig wirkt der Lucid Gravity nicht

Aber zurück zum Gravity: Die Seitenansicht wirkt nicht ganz so elegant, weil das Heck ein wenig nach Huckepack aussieht. Wie nachträglich montiert. Die Hinteransicht kann sich wieder sehen lassen. Hier wiederholen sich die feinen durchgehenden Lichtlinien, der Dachkantenspoiler zieht sich weit nach unten wegen der Aerodynamik. Der cw-Wert fällt dann mit 0,24 auch sehr niedrig aus. Zum Vergleich: Die G-Klasse von Mercedes-Benz bringt es auf das Doppelte – und die direkten Konkurrenten Mercedes EQS SUV, Hyundai Ioniq 9 und Kia EV 9 liegen bei Werten zwischen 0,26 und 0,29. Völlig losgelöst von der Konkurrenz ist auch das Cockpit. Bei den Bildschirmen heißt es: Klotzen statt kleckern.

Hinter dem seltsam eckigen Lenkrad, das schon ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, spannt sich ein durchgängiger 34-Zoll-breiter Bildschirm für Tacho-Daten, Navigation und Musik-Wiedergabe. Ganz links gibt es noch ein kleines digitales Tastenfeld für die Scheinwerfer oder Heckscheibenheizung. Während man die eigentliche Klimaanlage unterhalb des Pilot-Panels in der Mittelkonsole regelt. Über dieses 12,6-Zoll-Display steuert man dann weitere Fahrfunktionen. Ein bisschen umständlich ist das schon, wenn die einzelnen Bedienelemente derartig verstreut sind wie auf einem kunterbunten Graffiti. Aber ist halt ein American Gravity! Das Interieur-Design hingegen gefällt uns gut.

Es wirkt nordisch aufgeräumt, fast alle Materialien fühlen sich gut und wertig an. Egal ob das feine Nappaleder auf den Sitzen oder die Mikrofaser-Bezüge auf Cockpit oder Mittelkonsole – billig sieht es im Inneren des Lucid nicht aus. Bei den Leder-Kopfstützen darf man schmunzeln: Dort findet man als kleinen Gruß an die Heimat von Lucid einen eingeprägten kalifornischen Bären.

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Doppelbett oder 3398 Liter für die Ladung: So viel passt in den Gravity

Der Gravity wirkt nicht nur leicht und locker, auch beim Platz ist viel Luft nach allen Seiten. Und das nicht nur für Fahrer und Beifahrer. Das von Lucid selbst gern so bezeichnete Supercar der Siebensitzer hat in Reihe 2 schon fast Chauffeursauto-Qualitäten. Sogar auf den hintersten Rängen kann man mit einer Körpergröße von 1,80 Meter noch gut sitzen. Und auch das Einsteigen ist zumutbar. Die große Stärke des Innenraums ist aber seine Variabilität. Die mittlere Sitzbank lässt sich verschieben, umklappen und sogar im Boden versenken. Ähnlich wie die siebte Sitzreihe. Dann entsteht eine Fläche von 2,20 Metern Länge und 1,40 Metern Breite. Matratze rein – und schon hat man ein schönes Doppelbett oder ein Ladevolumen von bis zu 3239 Litern. Im Fünfsitzer sind es sogar 3398 Liter.

Doch damit nicht genug: Vorne hat der Gravity noch einen Frunk. Hier passen auch noch mal 230 Liter rein. Oder man bestellt bei Lucid gleich eine passende Matte dazu (500 Dollar ohne Versand und Steuern), dann sitzt man dort wie in einer Loge. Zum Beispiel für ein Picknick. So etwas bietet ansonsten nur noch der Rolls Royce Cullinan, aber in der Heckklappe.

Vom Picknick zum Raketenstart. Major Tom muss das Raumschiff ja schließlich noch bewegen. Die Triebwerke bestehen aus zwei Elektromotoren auf Vorder- und Hinterachse. Gemeinsam leisten sie 617 kW / 839 PS und das irrwitzige Drehmoment von 1232 Newtonmetern. Allradantrieb versteht sich von selbst – sonst könnten diese Kräfte kaum kultiviert auf die Straße gebracht werden. Schließlich will der Gravity die Schwerkraft aushebeln und die 2759 Kilogramm in 3,6 Sekunden von 0 auf 100 beschleunigen. Beim Fahrwerk setzen die Kalifornier auf eine komfortable Drei-Kammer-Luftfederung, und die Hinterachslenkung empfiehlt sich auch, um den Wendekreis zumindest auf 11,7 Meter zu begrenzen.

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Und so fährt sich die tonnenschwere Wuchtbrumme

839 PS und eine freie Landstraße. Da wird der Gasfuß zum Bleifuß, ruckartig reißt es uns in die Sitze. Der Gravity macht einen langen und gewaltigen Satz nach vorne. Die Landschaft wischt vorbei. Schnell auf die Bremse, denn erstens haben wir die 100 schon weit hinter uns und da vorne warten gleich mehrere Kurven mit Abflugsgefahr. Völlig losgelöst – das muss ja nicht sein. Mit Bravour geht es durch das Links-Rechts-Links-Geläuf.

Allerdings spürt man das Gewicht. Sowohl beim Bremsen als auch in den Kurven. So locker und leicht, wie der Lucid Air fühlt sich der Gravity nicht an. Die 2,8 Tonnen und der hohe Karosserieaufbau lassen sich halt nicht wegdiskutieren und schon gar nicht wegregeln. Auch wenn das Auto nur wenig wankt und wippt. So ist das mit der Schwerkraft – da kann auch Lucid nichts dagegen machen, sondern muss auf der Erde bleiben. In ganz anderen Sphären schwebt man allerdings bei der Ladetechnik. Die Amerikaner, die alle ihre Komponenten selbst herstellen und auch die Formel-E beliefern, setzen auf eine 926-Volt-Architektur. Bis maximal 400 kW fließen im Bestfall in den 123 kWh großen Akku. Das heißt 400 Kilometer Reichweite in kurzen 14 Minuten. Insgesamt soll der Grand Touring bei einem Durchschnittsverbrauch von rund 19 kWh bis zu 720 Kilometer weit kommen.

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Erstes Fazit

Ist unser Raumschiff ein Traumschiff? Eher ein Traumschiff Surprise, wenn man sich die stattlichen Preise so ansieht. Ab 116.900 Euro kostet der Grand Touring, der normale Touring mit 418 kW / 568 PS und 545 Kilometer Reichweite startet bei 99.900 Euro. Wer das nötige Kleingeld hat und eine familientaugliche Reisekutsche mit Langstreckenfähigkeit und -komfort sucht, der ist beim Gravity genau richtig. Er bietet unglaublich viel Platz, hat absurd viel Power – und garantiert seinem Besitzer vor allen Dingen einen exklusiven Auftritt. (Text: Rudolf Bögel | Fotos: Hersteller)

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Rudolf Bögel

Rudolf Bögel ist seit 2022 freier Redakteur bei AutoScout24. Er schwärmt für elegante Limousinen und drehfreudige Saugmotoren, fährt privat jedoch überwiegend elektrisch: im Honda e, gespeist von der eigenen PV-Anlage. Seine heimliche Leidenschaft gilt Oldtimern – vom Mercedes-Benz 190 „Heckflosse“ über den Triumph Spitfire Mk II bis hin zum Ford Granada Coupé 2.6 Ghia. Über Geschmack lässt sich streiten, über gute Autos nicht.