Erster Test NIO ES8: Elektroauto auf Chinesisch

Autos aus Fernost wurden lange gefürchtet. Schlechte Verarbeitung und mangelhafte Sicherheit prägten das Bild von „Made in China“. Doch die Zeiten haben sich, nicht zuletzt durch Start-ups wie Nio, kräftig geändert. Wir waren erstmals mit dem vollelektrischen NIO ES8 auf hiesigen Straßen unterwegs.

Blickt man dieser Tage in die deutschen Zeitungen, so sind diese voll mit Themen zu Umweltboni, Politikversprechen und Zusagen der Autoindustrie. Die E-Mobilität sei die Zukunft heißt es da. Und nicht nur bezahlbare E-Autos sollen kommen, sondern auch eine vernünftige Ladeinfrastruktur. Ein paar Seiten weiter geht es um Elektroautos in China. Im Reich der Mitte erleidet das hierzulande gern herbeigeredete E-Auto-Zeitalter gerade eine erste Delle. Seit die chinesische Regierung Fördermaßnahmen für Elektroautos und Hybride gekürzt hat, kämpfen Autokonzerne, aber allen voran E-Auto-Start-ups, mit herben Umsatzrückgängen. Ein Schelm, wer gleiches auch in Europa für möglich halte.

NIO-ES8-Side

Den NIO ES8 gibt es aktuell nur in China

Eines jener Start-ups, das derzeit oft im medialen Fokus steht, ist NIO. Millionenverluste und knappe Barreserven schreckten Anleger und Investoren auf, Wirtschaftsblätter prophezeien bereits ein baldiges Nahtoterlebnis. Glaubt man eben jenen Experten, so dürfte es freilich auch Tesla nicht mehr geben. Und so fahren wir hier den NIO ES8 in der Hoffnung, dass er irgendwann doch von offizieller Seite bei uns angeboten wird. Zu kaufen gibt es das siebensitzige SUV nämlich derzeit nur im Reich der Mitte, was natürlich die Frage aufwirft, weshalb man diese Zeilen lesen sollte. Sie sollen vor allem den Blick über den Tellerrand schärfen und zeigen, dass man mittlerweile auch mit chinesischen Autobauern rechnen darf und muss.

NIO-ES8-Steering

Rekordfahrt führte Autokonzerne vor

Schließlich handelt es sich gerade bei NIO um jenen Autobauer, der mit seinem Hyper-Sportwagen EP9 2017 einen Rundenrekord für Elektroautos auf der Nürburgring Nordschleife aufstellte. Die 6:45,90 Minuten wurden erst 2019 vom Volkswagen ID.R pulverisiert, der in wahnsitzigen 6:05,336 Minuten durch die Grüne Hölle eilte. Was sich zunächst liest wie ein sagenhafter Triumph für Volkswagen, ist weiterhin ein großer Sieg für den ambitionierten NIO-Gründer William Li. Denn Li führte den etablierten Weltkonzernen vor Augen, dass auch andere schnelle Autos bauen können. Gerne wird er deshalb mit Elon Musk verglichen, kommt allerdings sichtlich ohne dessen vermessene Allmachtsphantasien aus.

NIO-ES8-Rear-Side

Chinesische Autos sind besser als ihr Ruf

Im Gegenteil: Abseits aller finanziellen Hiobsbotschaften war und ist es das erklärte Ziel von NIO erst außerhalb von China aktiv zu werden, wenn im Heimatmarkt schwarze Zahlen geschrieben werden. Dabei sollten auch deutsche E-Auto-Interessenten hoffen, dass den Chinesen vorher nicht die Puste ausgeht. Nicht nur, weil der NIO ES8 über ein sehr gelungenes Außendesign verfügt, sondern auch, weil seine inneren Werte zu überzeugen wissen. Horrorgeschichten über chinesische Autos von mieser Qualität darf man dabei getrost vergessen. Auch und vor allem, da das Team um William Li sehr wohl versteht wie moderner Automobilbau funktioniert. Ein eigenes Werk besitzt man nicht, viel mehr lässt man bei JAC Motors fertigen, die gleichzeitig beste Kontakte zum VW-Konzern unterhalten. Hinzu kommt, dass NIO weltweit bei den besten Automobilzuliefern einkauft.

NIO-ES8-Seats

Designed in Bavaria, assembled in China

Das Luftfahrwerk stammt von Continental, die Lenkung von Thyssen und die Bremse kommt von Brembo. Gleichzeitig stammt auch das Design aus Europa. Eigens für jene Aufgabe hat NIO in München ein Design Center eröffnet, das zumindest für unser Auge bisher einen ziemlich guten Job gemacht hat. Der mit einer Länge von 5,02 Meter sehr stattliche NIO ES8 wirkt trotz seiner Größe beinahe schon fein gezeichnet und verzichtet auf übertriebenen Futurismus. So wird man bei NIO beispielsweise auch keine Kamera-Außenspiegel finden. Unter der Motorhaube eröffnet sich zu neu-Denglisch kein „Frunk“, also ein Front-Kofferraum, sondern klassisch ein Motorraum samt einer der beiden 240 kW starken Elektroantriebe.

NIO-ES8-EV

NIO ES8 mit der Leistung eines Porsche Taycan

Die Systemleistung beider Antriebe zusammen beträgt derweil 480 kW oder 653 PS. 840 Newtonmeter stehen ab Start zur Verfügung und so beschleunigt der allradgetriebene 2,5 Tonner in gut 4,4 Sekunden auf Tempo 100. Wer jene Sprintgewalt im Performance-Mode abruft wird insgesamt flüsterleise, aber sehr wohl mit wimmernden Reifen von dannen jagen. Subjektiv fühlt sich die Beschleunigung bei einem derlei gewichtigem Auto ohnehin noch stärker an, wobei in der Tat kaum Zeit vergeht, bis der NIO ES8 seine Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h erreicht. Sie ist zudem ein kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, dass man den ES8 eben doch außerhalb von China anbieten will. Denn für die streng geschwindigkeitslimitierte Volksrepublik wäre derlei Entwicklungsaufwand sicherlich nicht nötig gewesen.

NIO-ES8-Loungeseat

Die Chinesen mögen es weich

Widmet man sich dem Fahrverhalten insgesamt, so ist der NIO ES8 am besten mit einem Wort umschrieben: Komfortabel. Lenkung und Fahrwerk sind für den chinesischen Markt sehr weich abgestimmt, von der Außenwelt dringt nur sehr wenig in die Fahrgastzelle und selbst bei höherem Tempo halten sich die Windgeräusche angenehm im Hintergrund. Würde es der ES8 nach Europa schaffen, so würden wir uns im Generellen ein wenig mehr Straffheit wünschen. Nicht, um damit den Großglockner hinaufzubügeln, sondern um auf der Autobahn jenseits der 120 km/h Grenze gefühlt noch satter und direkter mit dem Untergrund verbunden zu sein. Diese Umstellung wird so aufwendig nicht sein, handelt es sich beispielsweise beim Fahrwerk um jenes, das auch im aktuellen BMW X5 verbaut wird.

NIO-ES8-Loading

Gute Bremse, magere Reichweite

Weiter mit der Bremse. Die Brembo-Anlage beißt bei Bedarf ordentlich zu, hinterlässt einen sehr gut dimensionierten Eindruck und wird dennoch kaum benötigt. Das Zauberwort bei aktuellen Elektroautos lautet „One-Pedal-Driving“ und auch der NIO ES8 beherrscht selbstverständlich die Kunst der ständigen Rekuperation. Lupft man das Fahrpedal, geht der Antrieb in den Generator-Modus und nutzt die überschüssige Fahrenergie zum Aufladen der Batterie. In wie weit dies den 70 kW großen flüssigkeitsgekühlten Thermostat-Akku beflügelt, vermögen wir allerdings nicht einzuschätzen. Laut Werk soll die Batterie derweil gut sein für eine NEDC-Reichweite von 355 Kilometer. Unser erster Test konnte dies jedoch nicht bestätigen und so gehen wir im hiesigen Straßenverkehr von einer realen Reichweite von circa 250 Kilometer aus.

NIO-ES8-Logo

Ladezeiten: Hierzulande noch zu lang

Doch Abhilfe in Form eines größeren 84 kW Akkupacks ist für den chinesischen Markt bereits angekündigt. Etwas problematisch fällt hierzulande noch der Ladevorgang des NIO ES8 aus. Zwar verfügt er sowohl über einen 220-400V DC-Anschluss, doch nur mit dem wesentlich schwächeren 220V AC-Anschluss lässt sich derzeit in Europa laden. Demnach dauert es bei geleerten Akkus mindestens 13 Stunden, bis der ES8 wieder voll im Saft steht. Bedient man sich hingegen der chinesischen Ladeinfrastruktur, samt mobiler Lade-Trucks die man per App herbeirufen kann, soll die Batterie bereits nach einer Stunde wieder voll geladen sein. Außerdem bietet NIO als einziger Hersteller überhaupt die Möglichkeit, das im Fahrzeugboden integrierte Batteriepack innerhalb von wenigen Minuten in einer Wechselstation auszutauschen.

NIO-ES8-Backseats

Konkurrenzfähiger Innenraum mit NOMI-AI und Loungesitz

Dass der NIO ES8 eigentlich für die lange Reise mit schnellen Ladestopps konzipiert wurde, zeigt sich auch im Innenraum. Platz zu allen Seiten ist in Hülle und Fülle vorhanden, die mit Nappaleder bezogenen Sitze sind sehr bequem und in der von uns gefahrenen Founders-Edition gibt es gar einen erweitert ausfahrbaren Loungesitz für die Beifahrerseite. Insgesamt findet sich im alltäglichen Griffbereich viel Leder, einfaches Plastik hingegen nur selten. Die Verarbeitung stimmt und nur auf schlechten Pisten hört man ab und an etwas klappern. Last but not least kommen wir zu NOMI. Dem Auto-Intelligenz-System der Chinesen, auf das man sichtlich stolz ist. Sie wird wie viele andere Sprachdienste auch per „Hey-Befehl“ aktiviert und dreht anschließend das digitale Köpfchen dorthin wo gesprochen wird. Derzeit reagiert sie freilich nur auf Mandarin, was uns über den eigentlichen Funktionsumfang wenig berichten lässt. Gleiches gilt übrigens für das bislang nicht übersetzte Infotainment-System, das zentral über ein 10,4-Zoll-Multitouch-Display gesteuert wird.

NIO-ES8-Nomi

Selbst in Mandarin leicht zu bedienen

Selbst wer der chinesischen Sprache nicht mächtig ist findet sich jedoch in den übersichtlich und logisch aufgebauten Menüs schnell zurecht. Man verzichtete bei NIO zudem auf ein komplett knopfloses Bediensystem und integrierte echte Taster sowie einen vollwertigen Lautstärkenregler. Damit schwimmt man gegen den Strom der immer zahlreicheren und größeren Displays im Auto, was sich auch beim 8,8 Zoll großen Kombiinstrument bemerkbar macht. Nichts ist zu viel, die Darstellung simpel aber gestochen scharf. Hinzu kommt ein Volant das bestens in der Hand liegt und mit einer übersichtlichen Anzahl an Knöpfen aufzuwarten weiß.

NIO-ES8-Display

Erstes Fazit

Ob und wann der NIO ES8 nach Österreich kommt ist ungewiss. Dass er das Zeug zum Kassenschlager hätte, daran hegen wir nach unserem ersten Test kaum einen Zweifel. Der ES8 ist dabei im Gegensatz zu e-tron, ID oder EQ nicht unbedingt das technisch bessere Auto. Er ist das bessere Auto durch seinen Preis. Hierzulande würde die Basisversion bei rund 59.000 Euro starten, die von uns gefahrene Founders-Edition läge immer noch bei ziemlich ordentlichen 72.000 Euro. Gleichzeitig rollt in China bereits der kleinere ES6 vom Band. Sein Einstandspreis sind beinahe unschlagbare 46.000 Euro. Wünschenswert wäre allerdings eine deutlich größere Reichweite, selbst wenn dies zu Lasten der Performance gehen würde. Denn davon hat gerade der NIO ES8 mehr als genug. (Text und Bild: Thomas Vogelhuber)

Technische Daten*

  • Modell: NIO ES8 Founders Edition
  • Motor: 2x Induktionsmotoren
  • Leistung: 653 PS (480 kW)
  • Drehmoment: 840 Nm
  • Batterie: 70 kW, flüssigkeitsgekühlt
  • Antrieb: Allrad
  • Verbrauch kombiniert: keine Angaben
  • CO2-Emissionen: 0 g/km
  • Beschleunigung (0 – 100 km/h): 4,4 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
  • Abmessungen (L/B/H): 5,02 m/ 2,26 m/ 1,76 m
  • Ladevolumen: 312 - 1.863 Liter
  • Gewicht: ca. 2.460 Kg
  • Grundpreis: ca. 72.000 Euro

*Herstellerangaben. Das angegebene Modell ist in Deutschland Stand November 2019 nicht erhältlich.

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